theologie.geschichte, Bd. 13 (2018)

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Uwe Grelak / Peer Pasternack, Theologie im Sozialismus. Konfessionell gebundene Institutionen akademischer Bildung und Forschung in der DDR. Eine Gesamtübersicht. Berlin 2016, Berliner Wissenschafts-Verlag, 350 S., 26,- €, ISBN: 978-3-8305-3736-6

Wer angesichts des Titels "Theologie im Sozialismus" in diesem Buch eine umfassende Darstellung der theologischen Forschung und Lehre und ihrer führenden Köpfe in der DDR erwartet, wird enttäuscht. Das ist nicht das Thema dieses Buches. Die Autoren versuchen vielmehr, eine Gesamtübersicht über die konfessionell gebundenen akademischen Bildungs- und Forschungseinrichtungen in der DDR zu liefern.

Zweifellos gehörte es zu den Besonderheiten des real-sozialistischen Staates DDR, dass es in ihm neben dem staatlichen Bildungssystem ein „höchst vielfältiges konfessionell bzw. kirchlich gebundenes Bildungswesen“ (S. 15) gab. Zu Recht weisen die Autoren darauf hin, dass die DDR „wohl das Ostblockland mit der größten Dichte konfessionell gebundener Lehr- und Forschungseinrichtungen gewesen“ (S. 328) ist.

Dabei waren allerdings nur die wenigsten dieser Einrichtungen staatlicherseits als akademische Institutionen anerkannt. Dies war nur der Fall, wenn sie - wie die Theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten - Teil einer staatlichen Hochschule waren. Die Kirchlichen Hochschulen, Prediger- und Priesterseminare, Kirchenmusikschulen, die akademischen Vereinigungen und Arbeitskreise und sonstige Einrichtungen galten nur als „quasiakademisch“. „Sie lehrten und/oder forschten auf akademischem Niveau, ohne über die formalen Insignien zu verfügen“ (S. 19). Zudem war es an vielen kirchlichen Einrichtungen möglich, auch ohne Abitur zu studieren, da es insbesondere bekenntnistreuen Christen verwehrt wurde, weiterführende Schulen zu besuchen.

Die Autoren haben sich darauf beschränkt, die Institutionen nach Art der Einrichtungen der Reihe nach in kurzen "Profildarstellungen" aufzulisten. Diese „Profildarstellungen“ sind stets nach einem festen Schema aufgebaut: „Zentrale Daten, insbesondere Gründungs- und ggf. Auflösungsdaten; konfessionelle Zugehörigkeit; Trägerschaft; zum inhaltlichen Profil; Statistisches und Organisatorisches; charakteristische Besonderheiten; wichtige Ereignisse der institutionellen Geschichte; Kooperationen und Netzwerkeinbindungen“ (S. 22). Als Quellen ihrer Darstellung benutzten die Autoren „(1) die gedruckt verfügbare Literatur zu den Institutionen […], (2) thematisch übergreifende Literatur zu Kirchen und Religionsgemeinschaften in der DDR […], (3) online verfügbare Informationsbestände. […] (4) konkrete Anfragen an einzelne (Nachfolge-)Institutionen, Zeitzeugen und Experten […] bzw. Gespräche“ (S. 22). Ergänzend kamen „Fokusrecherchen“ in den Beständen des Evangelischen Zentralarchivs Berlin, des Evangelischen Landeskirchlichen Archivs Berlin, dem Archiv des Berliner Missionswerks und dem Archiv für Diakonie und Entwicklung hinzu.

Die auf diese Weise erhobenen Informationen werden in der Regel ausgiebig zitiert und unkommentiert nebeneinandergestellt. Das gesamte Werk wirkt eher wie eine Zitaten-Sammlung und nicht wie eine wissenschaftliche Gesamtdarstellung. Es erweckt den Eindruck, als hätten die Autoren die Passagen aus eingescannten Büchern und Artikeln herauskopiert und mit Hilfe eines Literaturverwaltungsprogramm nach den vorgegebenen Ordnungskriterien zusammengestellt. So gelingt es den Autoren nicht, ihrem Anspruch nachzukommen, „[i]m Rahmen einer systematischen Recherche, Auswertung und Aufbereitung [die] kirchlich bzw. konfessionell gebundene Parallelwelt zum staatlich gelenkten Hochschul- und Wissenschaftssystem" (S. 21) zu erfassen.

Ein gravierender Mangel des Werkes ist es, dass durchgängig nicht erwähnt wird, welche Personen die Institutionen geführt haben, in ihnen tätig waren und sie durch ihre Tätigkeit prägten. Selbst die Feststellung der Autoren in der Zusammenfassung: „Fachliche Netzwerke innerhalb der DDR […] waren meist personengebunden: Die Teilnahme erfolgte auf Einladung und Empfehlung“ (S. 330) hat sie nicht dazu bewegt, die personellen Zusammensetzungen dieser Netzwerke zu offenbaren. Dadurch dass sie die in den konfessionell gebundenen Institutionen agierenden Personen nicht nennen, ist es auch nicht möglich, den Einfluss unterschiedlicher theologischer Traditionen, vor allem aber den Einfluss von SED und Ministerium für Staatssicherheit auf die Entwicklung des konfessionellen Bildungswesens in der DDR zu rekonstruieren. So erfahren wir zwar im Abschnitt über die Wissenschaftlichen Verlage (S. 251ff.), dass die Veröffentlichungen staatlicherseits zensiert wurden, nicht aber, wer die Zensoren oder Zensorinnen waren. Dass dies nicht unwichtig ist, zeigt der Fall Rosemarie Müller-Streisand. Sie war Professorin für Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Zensur, die durch das „Amt für Literatur“ durchgeführt wurde, lag bei systematisch-theologischen Veröffentlichungen in der DDR „fest in der Hand von Rosemarie Müller-Streisand“.[1] Ohne ihr Plazet konnte kein systematisch-theologisches Buch in der DDR erscheinen. Auch die Rolle ihres Ehemannes Hanfried Müller, bekennender SED-Anhänger und ebenfalls Theologieprofessor an der Humboldt-Universität, im konfessionellen Institutionengeflecht der DDR wird nicht beleuchtet. Insbesondere seine Zuarbeit für das Ministerium für Staatssicherheit findet im ganzen Buch keinerlei Erwähnung. Ebenso erfahren wir in dem Buch auch nicht, wer der Rektor des Eisenacher Katechetenseminars und damit auch der Leiter der im Buch (auf S. 129ff.) beschriebenen kirchenmusikalischen Ausbildungsstätte des Seminars in Eisenach war. Dies war seit 1954 kein geringerer als Walter Grundmann, der „Alte Kämpfer“ der NSDAP und ehemalige Leiter des Eisenacher „Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, der seit 1956 auch für das Ministerium für Staatssicherheit tätig war.

Weshalb die die Institutionen führenden und prägenden Personen nicht genannt werden, wird nirgends im Buch erklärt.

Dem Werk ist schließlich eine annotierte Bibliographie der von 1990 bis 2016 zur Thematik erschienenen selbstständigen Publikationen beigegeben. Die Tatsache, dass eine ganze Reihe von Annotationen wörtlich aus der annotierten Bibliographie des 20 Jahre alten Werkes von Peer Pasternack (Hg.), Hochschule & Kirche. Theologie & Politik. Besichtigung eines Beziehungsgeflechts in der DDR, Berlin 1996, ohne Nachweis übernommen wurde, erweckt einmal mehr den Eindruck, dass hier mit copy and paste gearbeitet wurde.

Ergebnisse, die die Studie liefert, sind in erster Linie quantitativer Art. Die Untersuchung kann nachweisen, dass die unmittelbar nach 1945 entstandenen konfessionellen Institutionen Wiedergründungen von Einrichtungen waren, die entweder von den Nationalsozialisten geschlossen worden waren oder den Betrieb kriegsbedingt eingestellt hatten. Während der vier DDR-Jahrzehnte verdoppelte sich die Größe des konfessionell gebundenen Bildungsbereichs, während nach 1989 die Hälfte der Einrichtungen wieder aufgelöst, ein Viertel mit anderen Institutionen fusioniert wurde und nur ein Viertel der Einrichtungen bis heute fortbesteht.

Zum Rezensenten:

Dr. August H. Leugers-Scherzberg, geb. 1958, Historiker und katholischer Theologe, Herausgeber von theologie.geschichte.

[1] Wolf Krötke, Nach 25 Jahren. Was bleibt von der Bonhoeffer-Rezeption in der DDR? Vortrag zum 25-jährigen Bestehen des Bonhoeffer-Freundeskreises Berlin-Brandenburg im Bonhoeffer-Haus Berlin am 16.11.2013. Online verfügbar unter http://wolf-kroetke.de/vortraege/ansicht/eintrag/72.html, zuletzt geprüft am 12.12.2018. Vgl. dazu auch Siegfried Bräuer, Clemens Vollnhals (Hg.), „In der DDR gibt es keine Zensur“. Die Evangelische Verlagsanstalt und die Praxis der Druckgenehmigung 1945-1989, Leipzig 1995

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