theologie.geschichte, Bd. 1 (2006)

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theologie.geschichte - Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte

August H. Leugers-Scherzberg

Adenauers geheim gehaltenen Äußerungen im Londoner Claridge-Hotel oder der latente Antisemitismus des bundesdeutschen Gründungskanzlers


Ein informelles Gespräch des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer am Rande der Londoner Neunmächtekonferenz mit dem luxemburgischen Ministerpräsidenten Joseph Bech und dem belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak  ist  bis heute mit einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Am 28. September 1954, dem ersten Tag der Konferenz, saß Adenauer nach einem Dinner, das der britische Premier Winston Churchill den Konferenzteilnehmern in Downing Street 10 gegeben hatte, zu mitternächtlicher Stunde im Foyer des Londoner Luxushotels Claridge's noch mit Bech und Spaak bei einem Glas Whisky zusammen. Seinen Gesprächspartnern gegenüber machte Adenauer kein Hehl daraus, was er von der Politik und der Person des französischen Premiers Pierre Mendès-France hielt. Der französische Regierungschef hatte Ende August 1954 die mühsam ausgehandelte Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) als Herzstück einer europäischen Integration, die auch der Bundesrepublik die lang ersehnte Souveränität verschaffen sollte, in der Pariser Nationalversammlung scheitern lassen und suchte nun nach anderen Wegen, um eine für die französische Öffentlichkeit akzeptable Remilitarisierung Westdeutschlands zu bewerkstelligen. Dabei schwebte ihm ein lockerer westeuropäischer Verteidigungspakt vor, der im Gegensatz zur EVG keinerlei supranationale Elemente enthalten sollte. Da dies zugleich aber auch die Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO ausschließen sollte, versuchte Adenauer Spaak und Bech mit zum Teil recht drastischen Szenarien davon abzuhalten, dem französischen Ministerpräsidenten auf diesem Weg zu folgen. [1]

Was das Gespräch später so berühmt machte, war die Tatsache, dass Lothar Rühl, der Pariser Korrespondent des Hamburger Nachrichtenmagazins Der Spiegel, der zur Berichterstattung nach London geschickt worden war, die drei Herren belauschte. Wie üblich, wenn in der britischen Hauptstadt internationale Konferenzen stattfanden, hatte sich kurz vor Mitternacht eine Reihe von deutschen Journalisten im weitläufigen Foyer des Londoner Claridge-Hotels eingefunden, um von der deutschen Delegation vielleicht noch das eine oder andere für ihre Tagesberichte in Erfahrung zu bringen. So hatte es sich auch Rühl in einer Ecke des Salons an einem Tischchen bequem gemacht, um vielleicht noch einen interessanten Gesprächspartner zu erwischen, als er bemerkte, dass am Nebentisch - durch eine Säule getrennt - Adenauer, Spaak und Bech ins Gespräch vertieft waren. Sofort begann Rühl damit, unbemerkt die Unterhaltung der drei Staatsmänner mitzuschreiben und sicherte sich damit den Stoff für eine Exklusivgeschichte, die in der nächsten Ausgabe des Spiegels erscheinen und für großes Aufsehen sorgen sollte. Seine neidischen Kollegen nannten ihn daraufhin nur noch abschätzig den "Säulen-Rühl". Die Süddeutsche Zeitung dagegen äußerte sich überschwänglich. Das Münchner Blatt attestierte dem jungen Journalisten, geradezu ein "weltpolitisches Gespräch" protokolliert und der deutschen Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben. Nicht zuletzt die im Spiegel veröffentlichten Kernaussagen prägten schließlich auch für lange Zeit das öffentliche Bild Adenauers als eines Politikers, der sich mit ganzem Herzen der europäischen Sache verschrieben habe. [2]

In der Spiegel-Ausgabe vom 6. Oktober 1954 konnte ein erstauntes Publikum die Kanzler-Worte lesen: "Ich bin fest überzeugt, hundertprozentig überzeugt davon, dass die deutsche Nationalarmee, zu der uns Mendès-France zwingt, eine große Gefahr für Deutschland und Europa werden wird - wenn ich einmal nicht mehr da bin, weiß ich nicht, was aus Deutschland werden soll, wenn es uns nicht doch noch gelingen sollte, Europa rechtzeitig zu schaffen." Und immer wieder warnte Adenauer vor dem deutschen Nationalismus: "Glauben Sie mir, die Gefahr des deutschen Nationalismus ist viel größer, als man denkt. Die Krise der europäischen Politik macht die Nationalisten dreist. Sie gewinnen an Selbstvertrauen und Anhang." Zudem appellierte der 78-jährige an seine Gesprächspartner: "Nutzen Sie die Zeit, solange ich noch lebe, wenn ich nicht mehr bin, ist es zu spät - mein Gott, ich weiß nicht was meine Nachfolger tun werden, wenn sie sich selbst überlassen sind; wenn sie nicht in fest vorgezeichneten Bahnen gehen müssen, wenn sie nicht an Europa gebunden sind." [3]

So bemerkenswert die Äußerungen sind, die Rühl seinen Auftraggebern übermittelte, so fielen an diesem Abend auch Worte, die so brisant waren, dass sich selbst der Vollblutjournalist nicht traute, sie an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Der Spiegel-Redaktion gegenüber verheimlichte er sie. Und noch Jahrzehnte später weihte er nicht einmal den Adenauer-Biografen Hans-Peter Schwarz in das Geheimnis um das mitternächtliche Gespräch im Claridge's ein. Ihm erzählte er, dass Adenauer sowohl Mendès-France als auch den deutschen SPD-Politiker Herbert Wehner für Einflussagenten der Sowjets hielt und seine Gesprächspartner bedeutungsvoll davor gewarnt habe: "Jedes Wort, das heute gesprochen worden ist, ist jetzt schon in Moskau." [4] Das allerdings waren Anschauungen, die man von Adenauer kannte und für die es sich nicht gelohnt hätte, sie gegenüber der Redaktion des Hamburger Nachrichtenmagazins zurückzuhalten.

Im politischen Bonn sprach sich rasch herum, dass Rühl in seinem Spiegel-Artikel etwas Wesentliches ausgelassen hatte. Drei Wochen später, anlässlich eines Mittagessens, zu dem Adenauer im Vorfeld der Unterzeichnung der Pariser Verträge geladen hatte und an dem auch die Spitzen der Opposition teilnahmen, brachte der FDP-Fraktionschef Thomas Dehler dies zur Sprache. Provokant stellte er den SPD-Vertretern die Frage, weshalb sie nicht in der letzten außenpolitischen Debatte des Bundestages jenen Teil der Äußerungen Adenauers aufgegriffen hätten, den Rühl zwar mitgeschrieben habe, der aber im Spiegel nicht veröffentlicht worden sei. Und Adenauer, durch diese Bemerkung aufgeschreckt, fragte nach, ob denn die Opposition solche Äußerungen tatsächlich in Händen halte? Herbert Wehner antwortete darauf kurz und knapp, er besitze sowohl das, was der Kanzler über den SPD-Chef Erich Ollenhauer, als auch das, was er über Pierre Mendès-France von sich gegeben habe. [5] Mehr sagte er dazu nicht und machte auch niemals öffentlich, was er darüber wusste.

Sein Nachlass gibt nun darüber Auskunft. In einer Notiz hat Wehner festgehalten, was er über den geheim gehaltenen Teil des mitternächtlichen Gesprächs in Erfahrung gebracht hatte. Demnach hatte Adenauer über den französischen Regierungschef geäußert: "Mendès-France ist ein Spieler ohne feste Konzeption. Sehen Sie mal: Mendès-France ist doch Jude. Wir haben Erfahrungen mit unseren deutschen Juden. Die haben alle einen nationalen Minderwertigkeitskomplex, den sie überkompensieren durch übersteigerten Nationalismus. Mendès-France will, wenn auf Kosten Europas und der Verteidigung Deutschland nieder gehalten wird, in Frankreich als guter Patriot gelten." [6] Diese Äußerungen bringen Licht in Nebenbemerkungen, die Rühl in seinem Artikel hatte fallen lassen, ohne dass ihr Bezug deutlich geworden wäre. So hatte der Journalist berichtet, dass Adenauer in seiner Unterredung mit Mendès-France am folgenden Vormittag eine auffallende Freundlichkeit an den Tag gelegt habe – und das gegenüber dem Staatsmann, „den er in seinem Mitternachtsgespräch mit Spaak und Bech nur ein paar Stunden vorher noch einen Spieler ohne feste Konzeption und einen ‚Nationalisten’ genannt hatte“. Auch hatte Rühl berichtet, dass nach dem Treffen mit dem französischen Regierungschef die „während der Unterhaltung heruntergewürgten Vorurteile ... im internen Kreis aus Konrad Adenauer wieder aus[brachen].“ Und er hatte dazu bemerkt:  „Sie taugen nicht zur Wiedergabe.“ [7]

Die Anspielung auf die jüdische Abstammung des französischen Ministerpräsidenten und der Hinweis auf die deutschen Erfahrungen mit "den Juden"  im Gespräch mit Bech und Spaak zeugen davon, dass Adenauers Einstellung zu seinem französischen Amtskollegen nicht nur durch politische Gegnerschaft, sondern auch von einem antisemitischen Vorurteil bestimmt wurde. [8] In der historischen Forschung ist immer wieder mit Verwunderung zur Kenntnis genommen worden, dass der bundesdeutsche Gründungskanzler gerade demjenigen französischen Politiker, der seine Politik im Krisenjahr 1954 zum Durchbruch verholfen hat, am wenigsten Dankbarkeit entgegenzubringen vermochte. [9] Das sorgsam gehütete Geheimnis um seine Einlassungen im Londoner Claridge`s trug dazu bei, dass die wahren Gründe seiner Abneigung nicht bekannt wurden.

Dass der SPD-Politiker Wehner die kompromittierenden Äußerungen des Bundeskanzlers nie veröffentlicht hat, dürfte weniger aus Rücksichtnahme auf Adenauer geschehen sein, als aus der realistischen Einschätzung heraus, dass Mitte der fünfziger Jahre antisemitische Ausfälle des deutschen Regierungschefs keineswegs auf einhellige Empörung in der deutschen Öffentlichkeit gestoßen wären. Ein Skandal um die antijüdischen Bekundungen des Kanzlers Adenauer wäre vielmehr dazu geeignet gewesen, den auch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus in Deutschland weiterhin latent vorhandenen Antisemitismus neu anzustacheln.


[1] Vgl. Hans-Peter Schwarz, Adenauer. Der Staatsmann: 1952-1967, Stuttgart 1991, S. 151f.; Henning Koehler, Adenauer. Eine politische Biographie, ungekürzte Ausgabe in 2 Bänden, Bd. 2, Berlin 1997, S. 285f., 319; Hans-Peter Schwarz, Die Ära Adenauer. Gründerjahre der Republik. 1949-1957, Stuttgart/Wiesbaden 1981 (Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Bd. 2), S. 247.

[2] Rüdiger von Wechmar, Akteur in der Loge (Auszug), in: Der Spiegel Nr. 11 vom  13. März 2000, S. 318; Hans Ulrich Soldt, Der Mann hinter der Säule, in: Der Spiegel Nr. 37 vom 9. September 2002, S. 37.

[3] Art. „Etwas Eis, Gentlemen?“, in: Der Spiegel Nr. 41 vom 6. Oktober 1954, S. 5ff.

[4] Schwarz, Adenauer, S. 153; vgl. auch Art. „Was soll aus Deutschland werden?“, in: Der Spiegel Nr. 20. vom 17. Mai 1999.

[5] Vgl. Art. „Wir sind das Feigenblatt“, in: Der Spiegel Nr. 11 vom 9. März 1955, S. 10.

[6] Maschinenschriftliche Notiz Wehners, undatiert [Oktober 1954], Beginn: „Dr. Adenauer im Gespräch mit Spaak und Bech“, in: Nachlass Wehner (Kopie im Besitz des Verf.). Es handelt sich dabei um die Übertragung einer stenographischen Mitschrift Wehners. Die Notiz befand sich bei meiner Einsichtnahme vor Ablieferung des Nachlasses Wehners an das Archiv der Sozialen Demokratie im Aktenkonvolut zur Arbeit Wehners innerhalb der Sozialistischen Internationale. Da Wehner regelmäßig Spaak auf den Treffen der Sozialistischen Internationale traf, könnte der Fundort des Dokuments ein Hinweis darauf sein, dass der belgische Außenminister der Informant Wehners gewesen ist. Außer der im Text zitierten Passage notierte Wehner noch folgende Bemerkungen Adenauers im Clarigde’s. Zur SPD: „Die Partei wird von anderen Leuten geleitet, wie Wehner, der den Kommunisten noch nahe steht, der bis 1942 für Kominform gearbeitet hat.“ Über die Angst Adenauers vor dem russischen Geheimdienst: „Es ist meine hundertprozentige Überzeugung, dass die Russen jedes Wort aus diesem Raum erfahren. Ich kann mich täuschen, aber ich glaube daran.“

[7] Art. „Etwas Eis, Gentlemen?“, in: Der Spiegel vom 6. Oktober 1954, S. 6

[8] Ethnisch motivierte Vorurteile gehörten innerhalb des engeren Führungszirkels um Adenauer offenbar überhaupt zum „kulturellen Code“. So wird etwa von Herbert Blankenhorn, einem engen Mitarbeiter des Kanzlers, berichtet, dass er von Mendès-France als „einem orientalischen Teppichhändler“ sprach, „den man hart anfassen müsse“; vgl. Art. „Wir sind das Feigenblatt“, in: Der Spiegel Nr. 11 vom 9. März 1955, S. 9.

[9] Vgl. Schwarz, Adenauer, S. 139f.

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