theologie.geschichte, Bd. 1 (2006)

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theologie.geschichte - Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte

Britta Frede-Wenger, Glauben und Denken im Angesicht von Auschwitz. Eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Emil L. Fackenheim, Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag  2005,  448 Seiten, EUR 32,00


Als Emil Ludwig Fackenheim am 19. September 2003 im Alter von 87 Jahren in Jerusalem starb, war die öffentliche Reaktion in Deutschland - außerhalb der engeren Szene der an jüdisch-christlichem Denken interessierten Fachkreise - recht gering. Fackenheim war zwar weltweit der einflussreichste Vertreter einer jüdischen Philosophie und Theologie nach Auschwitz, aber auf Deutsch veröffentlicht findet man nur eine Einführung in das Judentum [1] und - in einem Sammelband von 1982 [2] - ein Kapitel aus seinem Werk "God's Presence in History". Fackenheims Holocaust-Theologie ist für deutsche Leser also weitgehend nicht zugänglich. Christoph Münz hat sie in seiner großen Darstellung jüdischer Geschichtstheologie nach Auschwitz gekonnt zusammen gefasst. [3] Eine eingehende Monografie fehlte in Deutschland bisher. Sie hat nun Britta Frede-Wenger vorgelegt.


Hegel und der Midrasch, Rosenzweig und die Vernichtungslager

Die 450 Seiten starke Dissertation vollzieht eingehend, aber nie langweilig die verschiedenen Quellen nach, aus der sich Fackenheims Denken speist. Das ist ein Durchbruch in der deutschen Rezeption des Denkers, die sich bisher meist nur bestimmte Seiten seines Werkes herausgriff. Fackenheims Eigenart besteht gerade in der Kunst, sehr heterogene Anstöße kritisch miteinander zu konfrontieren. Er ist ein Philosoph, zutiefst geprägt vom deutschen Idealismus, insbesondere von der Auseinandersetzung mit Hegel. Er ist als jüdischer Religionsphilosoph ein Schüler Franz Rosenzweigs, mit dem er sich dem Anderen der Offenbarung in einem neuzeitlichen Horizont aussetzt. Fackenheim ist auch ein Reform-Rabbiner, der die Tradition narrativer jüdischer Theologie - des Midrasch - zu aktualisieren sucht. Schließlich konfrontiert Fackenheim dieses sein vielschichtiges Erbe insgesamt mit dem factum brutum von Auschwitz. Im Unterschied zu den meisten christlichen und deutschen Theologen (bis heute) ist die Judenvernichtung der Nationalsozialisten bei Fackenheim nicht nur ein angedeuteter düsterer Hintergrund, nicht nur ein reines Dass, vor dem die Theologie sich abmüht, ihre Sprache wieder zu finden. Vielmehr zieht Fackenheim seine Konsequenzen aus einer eingehenden Analyse des historischen Materials, in der er schmerzhaft scharf das unvergleichliche Wie dieser Anti-Wirklichkeit erhebt: die Entmenschlichung der Opfer in den "Muselmännern" wie auch die der Schreibtischtäter, die irrationale Rationalität eines Mordunternehmens um seiner selbst willen und die ontologische Qualität eines Widerstands gegen diesen absoluten Vernichtungswillen. All das vollzieht Frede-Wenger nach, und zwar so eingehend und strukturierend, dass das Buch wirklich als Fackenheim-Einführung gelesen werden kann.

Christliches Lernen vom jüdischen Denken

Aber Frede-Wengers Buch will mehr sein als eine solche Fackenheim-Darstellung. Sie möchte die christliche Theologie in ein Gespräch mit Fackenheim bringen, aus dem diese nicht unverändert hervorgeht. Das Christentum soll "tatsächlich die Glaubenskommunikation Israels für das eigene theologische Suchen wahrnehmen" (51). Methodische Grundlage ihres Unternehmens ist die "Kommunikative Theologie" (Scharer, Hilberath), von der sie die Forderung übernimmt, einem Gesprächspartner zunächst einmal eingehend zuzuhören und ihn in seinem Kontext zu verstehen, um dann in ein Gespräch einzutreten, in dem man aus dem Gehörten wiederum für den eigenen Fragekontext lernt. Konkret soll das Hören auf Fackenheim "Anstöße liefern für einen christlich-theologischen Umgang mit der radikalen Verstörung des christlichen Logos angesichts des unermesslichen Leidens und für eine Neugewinnung und systematische Reflexion der christlichen Gott-Rede." (67) Dieser Ansatz ermöglicht es, etwa Fackenheims Verständnis von Philosophie und Theologie in einem jüdischen Traditionshorizont zu differenzieren, ohne vorschnell die christliche Begrifflichkeit einzutragen. Umgekehrt gibt es Frede-Wenger von Anfang an einen erfrischenden Mut zur These: Sie möchte in der Auseinandersetzung mit Fackenheim für sich etwas lernen, für ihren Glauben, für das Selbstverständnis des Christentums nach Auschwitz. Der Obertitel "Glauben und Denken" ist passend gewählt und programmatisch setzt die Einleitung des Buches mit dem nächtlichen Kampf Jakobs am Jabbok an. Frede-Wenger lässt sich auf ein geistiges Ringen ein und nimmt den Leser dabei mit, aus dem sie vielleicht verletzt, aber jedenfalls gestärkt hervorgehen möchte. Das unterscheidet das Buch wohltuend von mancher blasser akademischer Veröffentlichung leider auch zu diesem Themenkreis.


Dialog ohne Umweg?

Der Wille zum direkten und für die eigene Theologie ertragreichen Dialog birgt allerdings auch die Gefahr eines Kurz-Schlusses, der Frede-Wenger m.E. nicht entgeht. Das Problem scheint ihr bewusst, aber sie klammert es mehrfach in Zwar-Aber-Formulierungen ein: "Zwar darf nie vergessen werden, dass das Christentum in völlig anderer Weise in die Geschichte der Schoa verstrickt ist als das Judentum" (33), zwar "soll der unterschiedliche Bezug zu Auschwitz nicht nivelliert werden." Die gemeinsamen Zielfragen "aber sind letztlich gemeinsam: Warum? Warum machen Menschen andere Menschen zu Opfern? Warum wenden sich die Kinder Gottes gegeneinander? Wie an den menschenzugewandten Gott glauben angesichts der Leidensgeschichte der Welt?" (34) Es ist bezeichnend, dass Frede-Wenger an dieser Stelle einer wichtigen methodischen Weichenstellung plötzlich alle Differenzen einebnet, auf die es Fackenheim stets ankommt: Nicht mehr von Juden und Deutschen, Nationalsozialisten und Christen, nicht mehr von Auschwitz ist die Rede, sondern von Menschen, Kindern Gottes und der Leidensgeschichte der Welt. (Diese Nivellierungstendenz wiederholt sich auch nach der Darstellung des so ganz anderen, konkreten Fragens von Fackenheim, etwa S. 411, 414 in ihrer Benjamin-Interpretation und schließlich in den Abschlussformulierungen S. 436 zu Gottes eschatologischem Eingreifen in das "katastrophische Wesen der Geschichte".) Dabei steckt die Grundproblematik nicht darin, dass Frede-Wenger Fackenheims Rede von der Einzigartigkeit der Schoa zwar referiert, manchmal eher am Rande auch infrage stellt, aber am Ende weder für die eigenen Antworten wirklich beachtet noch ihrerseits widerlegt. Das Grundproblem besteht in einer dialogischen Abkürzung, auf der Fackenheim einer durch ihn besser belehrten christlichen Theologie zur Wiedergewinnung ihrer "Affirmation Gottes" (ein inflationär gebrauchter Ausdruck des Buches) verhelfen soll.


Verstellte Abkürzung

Der in "zwar"-Formulierungen eingeklammerte Umweg - oder der einzige noch offene, gangbare Weg? - bestände dagegen darin, erst einmal für das Christentum die Fragen zu stellen und zu beantworten, die Fackenheim für das Judentum stellt: Was hat sich geschichtlich im Angesicht Gottes durch die Schoa verändert, was ist zusammengebrochen, woran können wir noch anknüpfen? Ob Fackenheims Thesen vom Ende der Diaspora, vom unbedingten Lebensgebot, dass von Auschwitz ausgeht, von der Überbrückung des Gegensatzes zwischen religiösen und säkularen Juden, schließlich von der Bedeutung des Staates Israel alle haltbar sind, dürfte für christliche Theologen nicht die dringendste Frage sein. Ihnen ist die Frage auferlegt, was diesen Konsequenzen auf christlicher Seite entspricht: Wie ist der christliche Anspruch auf Weltgestaltung nach diesem Zivilisationsbruch auf dem Boden des christlichen Abendlandes weiterzuführen? Welche Bedeutung haben nach Auschwitz die Lehrunterschiede zwischen den christlichen Konfessionen über jene Realpräsenz Christi im Christlichen, die man während der Ermordung der Juden weiter verkündigte, als wäre nichts geschehen. (Worauf Frede-Wenger zitierend durchaus eingeht: S. 252 und 255 mit Moltmann und Bonhoeffer) Frede-Wenger weiß selbst, dass Fackenheims Selbstverständnis durchgängig darin besteht, "das eigene Denken folge den existenziellen jüdischen Antworten auf den Holocaust nach." (278) Sie fragt jedoch nicht, welche existenziellen, geschichtlichen Antworten es denn sein könnten, denen eine christliche Theologie nach Auschwitz nachfolgen (oder die sie in Ermangelung solcher wenigstes herbeisehnen) sollte. Vielmehr geht es ihr um eine Rettung der Theologie selbst: dass diese nämlich "zwar die Notwendigkeit der Reformulierung () in allen ihren Bereichen auf der Grundlage einer veränderten Lesart der Heiligen Schriften" brauche - um nicht mehr den alten Antijudaismus fortzusetzen - "nicht aber das grundsätzliche Scheitern der christlichen Theologie" konstatieren müsste (254). Es geht ihr um den Nachweis, dass es "philosophisch ausweisbar und sinn-voll ist, auch und gerade angesichts des Leidens weiterhin Theologie zu treiben." (414) Dabei geht es Fackenheims Fragen an das Christentum nicht um Theologie angesichts des Leidens, sondern um christliche - theologische und kirchliche, existenzielle - Antwort angesichts der Schuld und deren weitgehender Verleugnung. Frede-Wenger befreit sich von den Anfragen durch eine Kritik an Fackenheims Bindung der Überwindung von Auschwitz an menschliches Handeln. Dagegen müsse das Christentum auf einer Erlösung jenseits unserer Handlungsmöglichkeiten beharren. Die Frage, ob Fackenheim denn wirklich eine solche Erlösung nicht erhoffe, muss ich auf sich beruhen lassen. Die Gegenfrage bringt Frede-Wenger jedenfalls am Ende ihres Buches in den Zirkelschluss, der christliche Osterglaube sei von Auschwitz nicht besiegt, weil man seiner zur Hoffnung auch für die Opfer nicht entbehren könne. "Insofern ist letztlich Fackenheim doch zu widersprechen: Selbst Auschwitz hat die Botschaft des Ostersonntags nicht endgültig überwunden." (425) Deshalb sei die christliche Rückfrage an das Judentum "ob und inwiefern messianische Erlösung tatsächlich Erlösung sein kann, wenn sie auf dem Forum der Geschichte verbleibt." (426) Am Ende führt diese Abkürzung dazu, in derselben theologischen Gipfelthese Opfer und Täter zusammen zu schließen: "Gottes unterbrechendes Handeln im Ostergeschehen unterbricht () den gesamten menschlichen Zusammenhang von Schuldigwerden und Opfersein." Es ist zwischen Fackenheim und der christlichen Theologie bei Frede-Wenger ein wenig so wie mit dem Hasen und dem Igel: Während der eine der Spur der katastrophalen Geschichte entlangrennt, um nach den Spuren zu suchen, an die anknüpfend doch noch auf Gott gehofft und sinnvoll gelebt werden könnte, ist der andere vorher wie nachher schon immer am Ziel. Denn was Frede-Wenger mit und gegen Fackenheim am Ende weiß, ist genau das, was Christen den Juden gegenüber immer schon mehr zu wissen glaubten: dass in Christus eben schon alles geheilt ist, komme da was wolle. Am Ende beruft sie sich dabei auf Bonhoeffer (437). Sie übersieht dabei aber, dass Bonhoeffer in seiner Ethik und in seinen Briefen aus dem Gefängnis gerade erkannte, dass dieses gleiche Evangelium nach der Katastrophe neu gelernt werden müsste durch ein real verändertes Christentum, das nie mehr so sein könne wie zuvor. Seine Formeln von der "Religionslosigkeit", seine geschichtstheologischen Reflexionen über den Weg des Abendlandes und sein Postulat einer Kirche, die in der Welt Besitz und Privilegien radikal ablegt, sind von den zitierten Sätzen über Schuld und Vergebung nicht zu trennen.

Einen Tikkun nennt Fackenheim unsere Aufgabe - ein Flicken. Um zu flicken, was mit der Schoa im Christentum zerriss, wird eine noch so behutsame Reformulierung der großen Glaubensüberzeugungen nicht reichen. Frede-Wenger geht diesen Weg aber so systematisch und gut überlegt, dass der Entwurf einlädt, über den künftigen Weg einer christlichen Theologie nach Auschwitz grundlegend zu diskutieren. Dafür ist dem Buch die nötige Aufmerksamkeit zu  wünschen.


[1] Emil L. Fackenheim, Was ist Judentum? Eine Deutung für die Gegenwart, Berlin 1999

[2] Michael Brocke, Herbert Jochum (Hg.), Wolkensäule und Feuerschein. Jüdische Theologie des Holocaust, Gütersloh 1982, S. 73-111

[3] Christoph Münz, Der Welt ein Gedächtnis geben. Geschichtstheologisches Denken im Judentum nach Auschwitz, Gütersloh 1995, besonders S. 266-306


Rezensent:
Gregor Taxacher

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