theologie.geschichte, Bd. 5 (2010)

Schriftgröße:  Klein  Mittel  Groß
theologie.geschichte - Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte

- t.g-Interview -

Wenn die Fiesta zur Forschung wird.  Ein Gespräch mit Bernd Schmelz. Der wissenschaftliche Leiter des Völkerkundemuseums Hamburg forscht seit 20 Jahren in Lateinamerika zu Volksreligiosität und ethnographischen Entwicklungen.




Bernd Schmelz vor dem Portal des Museums für Völkerkunde Hamburg. Nach seiner Gründung 1879 und stetigen Erweiterung wurde 1912 der Neubau des Architekten Albert Erbe an der Rothenbaumchaussee bezogen.

Foto: Hans-Christian Roestel


theologie.geschichte: An Abwechslung mangelt es Ihnen wirklich nicht: seit 20 Jahren forschen Sie in Lateinamerika, vorwiegend zu Peru und Guatemala, zudem sind Sie wissenschaftlicher Leiter des Völkerkundemuseums in Hamburg.[1] Wie oft waren Sie bislang unterwegs?

Bernd Schmelz: Mindestens einmal im Jahr breche ich auf, um ein aktuelles Bild über Sitten und Gebräuche der Menschen in ihrem alltäglichen, vor allem aber religiösen Leben zu bekommen. Gerade in den letzten Wochen war ich wieder in Peru unterwegs, um Informanten zu treffen, Kontakte aufzufrischen oder mit Museen und Forschungseinrichtungen über zukünftige Projekte zu sprechen.


... die sich wie gestalten?

Am besten unterscheiden wir hier zwischen den wissenschaftlich-kulturellen Projekten und der gegenseitigen Zusammenarbeit. Zwischen den Departements Trujillo und Lambayeque und dem Museum für Völkerkunde Hamburg wird es ein Ausstellungsprojekt geben. Daran beteiligt sind auf peruanischer Seite die archäologischen Stätten Huaca de la Luna aus der Moché-Zeit[2] und Chachan aus der Chinú-Zeit.[3] Hinzu käme das Museum Tumbas Reales mit den spektakulären Sipán-Funden und das Museum Hans H. Brüning in Lambayeque.[4]


Lassen Sie uns zum Einstieg etwas zurückgehen: Wann haben Sie sich entschlossen, diesen stets spannenden Forschungsbereich zu Ihrer Arbeit zu machen?

Das war für mich bereits in der Schulzeit klar. Meine Interessen lagen beim Schach und der Altamerikanistik. In der 9. Klasse hatte ich in Deutsch ein Referat über die Götterwelt der Maya gehalten, im nächsten Schuljahr war dann das nächste dran in Religion.


Also ganz der Exot ...

Natürlich. Aber klarer Auslöser für dieses Interesse war Erich von Däniken: Mein Vater hatte damals dessen Bücher über Astrologie und Astronautik wie „Zurück zu den Sternen“ oder „Waren die Götter Astronauten?“ gekauft, und wir haben zusammen mit meinem Bruder Peter dann zu Hause alles gelesen und anschließend diskutiert.


Wie sah das dann aus?

Wie von Däniken, der einen Querschnitt durch die Welt macht, haben wir uns diese einfach aufgeteilt. Mein Bruder bekam Altägypten, mein Vater Mesopotamien und ich eben Altamerika.


Wie gelang Ihnen dann der Schritt von Altamerika an die Alster?

Nach dem Magisterexamen 1988 im Fach Altamerikanistik in Bonn habe ich in Hamburg im Museum für Völkerkunde an einem Forschungsprojekt zum Nachlass Hans Hinrich Brünings mitgearbeitet, im Folgejahr schloss sich eine einjährige Feldforschung in Peru an. Brüning (1848-1928) hatte als Erster in der Gegend um Lambayeque im Norden des Landes langjährige Kultur- und Fiestaforschung betrieben. Das umfangreich hinterlassene Fotomaterial galt es nun zu untersuchen: Der Nachlass war zwar bekannt, aber noch wenig publiziert. So begann ich zunächst mit der Sichtung im Archiv, bevor ich an Ort und Stelle die aktuelle Sicht auf Rituale und Feste erforschte.


Wie wurden Sie dann zum Fiesta-Forscher?

Der Entschluss, in Allgemeiner Völkerkunde zu promovieren, erforderte nach der Rückkehr den Uniwechsel von Bonn nach Marburg. Die peruanischen Feste von ihren Anfängen bis zur Gegenwart waren das Thema der Dissertation. Nach deren Abschluss 1992 folgten Verträge mit der Universität Marburg und dem Museum für Völkerkunde in Frankfurt am Main. Den endgültigen Schritt nach Hamburg machte ich schließlich 1993, da ich mich für ein Volontariat am Museum beworben hatte und dieses auch bekam.


Die letzten Jahre hat Sie aber vor allem Guatemala beschäftigt. Welchen Fragestellungen gehen Sie hier besonders nach?

Verglichen mit der Peruforschung ist meine Arbeit seit 2003 in Guatemala deutlich anders: Mit rund 5300 Objekten besitzt das Hamburger Museum für Völkerkunde eine der bedeutendsten Guatemala-Sammlungen weltweit. Dieser Bestand ist hier historisch gewachsen und unterschiedlich inventarisiert worden, daher war meine Herangehensweise so, dass ich mit Fotos von Objekten loszog, die wir hier im Haus haben.

Ob rituelles oder alltägliches Gerät: Um Erkenntnisse über die jeweilige Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart zu gewinnen, heißt es, die Menschen und ihr Umfeld kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen.


Die so genannte „teilnehmende Beobachtung“ ...

Korrekt. Hierzu ist es natürlich erforderlich, nicht nur einmal zu reisen. Je mehr man über die Jahre hinfährt, desto besser. Man kennt dann die Leute, kommt quasi immer wieder nach Hause.

Die Arbeit gestaltet sich häufig so, dass man neben Alltagsszenen wie auf Märkten vor allem Festen und Feiern beiwohnt. Nicht in der Art, wie man als Tourist einfach nur von außen die Sache betrachtet, sondern von Anfang an: bei den Vorbereitungen in den Bruderschaften, die sich um die Heiligenfiguren und Altäre kümmern, bei Prozessionen Sänften für die Figuren bereitstellen und diese über das Jahr instand halten und pflegen. Oder jede andere Form der Vorbereitung wie Sitzungen oder Mittagessen. Dann kommt natürlich der Akt des Festes selbst, in dessen Umfeld Befragungen durchgeführt werden: mit Akteuren, den Gläubigen und Umstehenden, das Ganze dokumentiere ich durch Fotos.



Osterprozession im guatemaltekischen Antigua Guatemala, südwestlich der heutigen Hauptstadt Guatemala.
Quelle: Bernd Schmelz/Museum für Völkerkunde Hamburg



Bleiben wir bei der Volksreligiosität: Wie sehen hier Ihre Beobachtungen aus, hat es in den letzten Jahren Veränderungen in der Wahrnehmung gegeben, auch innerhalb der jeweiligen Bevölkerung?

Die Volksreligiosität spielt nach wie vor eine sehr große Rolle im öffentlichen Leben. Darunter versteht man ja die rituellen Gebräuche, die selbst von der Bevölkerung vor Ort gestaltet werden, natürlich innerhalb der von den Kirchen vorgegebenen Feste. Hier hat man beispielsweise von den offiziellen christlichen Kirchen vorgegebene Feste wie Ostern oder Weihnachten. Aber die Menschen gestalten weltweit die Feste nach ihren Vorstellungen aus, das bezeichnet man als Volksreligiosität.

Darüber hinaus beobachten wir als Ethnologen auch, wie die Menschen ihre Religiosität im Alltag leben. Das fängt schon bei der Art und Weise oder der Häufigkeit des sich Bekreuzigen in Alltagssituationen an. Dann manifestiert sich gerade in Lateinamerika dieser Bereich anhand der Häuslichkeit: Heiligenfiguren werden im Privaten aufgestellt oder es gibt besondere Hausaltäre.


Eine Beobachtung, die man in der Antike bei Römern und Griechen auch machen konnte, oder auch später bei wohlhabenden Bürgern oder Adeligen, die mitunter ihre eigenen Kapellen errichten ließen.

Richtig. Und es ist eben zu beobachten, dass innerhalb der Länder wie Peru, Ecuador oder Guatemala deutliche Unterschiede in dieser religiösen Ausprägung bestehen. Eigentlich hat sich dies auch in den letzten Jahren nicht sehr verändert. Doch lässt sich beobachten, dass besonders große Feste wie Ostern in Guatemala so bedeutend sind, dass selbst Protestanten zu einer katholischen Prozession gehen! Ein Umstand, der sich auf den ersten Blick nicht sofort erschließt. Daher habe ich dann unter den Protestanten gefragt, warum sie denn hier zu einer solchen Prozession gehen. Als Antwort wurde dann auf die gemeinsame Kultur verwiesen, dass das einfach „dazu“ gehöre.


Um bei den Protestanten zu bleiben: Wie stellt sich generell gegenwärtig die Situation religiöser Minderheiten dar? Aus eigener Erfahrung reagieren Gesprächspartner eher ablehnend oder gereizt, wenn man sich zum evangelischen Luthertum bekennt. Da wird man häufig in den Bereich der Sekten gerückt.

Also Lutheraner gibt es in Lateinamerika grundsätzlich sehr wenige, vornehmlich in Brasilien anzutreffen. Tatsächlich sind es vermehrt evangelikale Bewegungen. Hierbei gilt es allerdings zu bedenken, dass die evangelikalen Gemeinden nicht unbedingt in der Minderheit sind: in Guatemala gibt es das Beispiel einer Zeit, da ein Verhältnis 50 zu 50 bezüglich der katholischen Kirchen angenommen wurde. Heute würde ich das allerdings weit weniger stark ansehen, ich würde ein Verhältnis von 60 Prozent katholischer zu 40 Prozent evangelikal orientierter Gemeinden annehmen. Das hängt auch sehr stark mit der Besonderheit der Regierung Rios Montt zusammen, der ja ein Evangelikaler ist.[5] Da herrschte zusätzlich ein Zulauf zu den Gemeinden. In dieser Zeit war Guatemala sicherlich auch ein Sonderfall in Lateinamerika, wo der Katholizismus stark eingeschränkt war. Allerdings nicht im Leben und in der Kultur, die ist nach wie vor eben sehr prägend und hat sich in den letzten Jahren wieder verstärkt.


Welcher Art waren die Einschränkungen seitens des Montt-Regimes?

Ich würde es nicht zwingend als Einschränkung bezeichnen, es war einfach politisch opportun, in derselben Kirche wie der amtierende Herrscher zu sein. Es ist ja zu beobachten, dass Diktaturen und religiöse Strömungen oft zusammengehen. Da erhofft sich dann der eine oder andere Vorteile.


Eine andere Religionsgemeinschaft, die sicherlich in Lateinamerika als Minderheit anzusehen ist, sind jüdische Gemeinden. Welches  Bild bietet sich hier?

Natürlich gibt es in lateinamerikanischen Ländern auch jüdische Gemeinden, aber deren Wahrnehmung ist relativ gering. Ich selbst konnte in Guatemala einige Beobachtungen machen, hierzu haben wir auch im Museum eine kleine Sammlung. Es gibt in der Hauptstadt Guatemala Stadt eine gut organisierte jüdische Gemeinde, die aber kaum in Erscheinung tritt.


Woran lässt sich das festmachen?

Sie gehen einfach ihrem Glauben nach, da gibt es auch keine Auseinandersetzungen, schon gar nicht öffentlicher Art. Wenn es diese gibt, dann eher zwischen Katholiken und Evangelikalen. Im Übrigen auch nicht mit anderen Minderheiten wie dem Islam. Wenn es Auseinandersetzungen religiöser Art gibt, dann dreht es sich eher um den Aspekt, inwiefern eine Handlung, ein Ritus als christlich zu bezeichnen ist, gerade in Ländern mit hohem indigenen Anteil wie in Guatemala.


Wie äußert sich dann jüdisches Leben in der Öffentlichkeit?

Die Menschen leben innerhalb ihrer Gemeinde, die sich bildet und in der man sich trifft: man feiert gemeinsam Gottesdienste oder hält Gebetsstunden ab. Aber weiter tritt man nicht in der Öffentlichkeit in Erscheinung.


Auch nicht durch Kleidung, vergleichbar den orthodoxen Juden?

Kaum. Man muss sich das vielmehr so vorstellen, dass die Menschen ihre religiösen Symbole zu Hause haben. Und in diesen Fällen sind die Häuser auch auf die rituelle Nutzung hin ausgelegt und gestaltet.


Vielleicht streifen wir im Zusammenhang der Bekleidung den ethnischen Bereich: Sie haben in den vergangenen Jahren gewissermaßen eine Werteverschiebung festgestellt. Im Gegensatz zu früher, wo Farben und Motive der Kleidung die Herkunft des Trägers verrieten, kommt diesem Aspekt heute vielmehr ein sozialer Status zu.

Auch hier scheint mir das Beispiel Guatemala am ergiebigsten: Gerade in diesem Land prägen die indigenen Trachten das öffentliche Bild. Man trifft sie zwar auch im Andenraum an, aber in Guatemala haben Trachten noch die größte Bedeutung. Besonders bei den Frauentrachten hat sich die Tradition erhalten: Es gibt bestimmte Orte, in denen die Tracht für die Frauen obligatorisch ist, auch wenn Ausnahmen – beispielsweise durch Zugezogene – diese Regel bestätigen. Man kann nun feststellen, das früher – also vor rund 30 Jahren – die Trägerin einer Tracht noch aus der Region kam, aus der ihre Kleidung stammte. Das machte es für den Ethnologen einfach. Heute hat man es da schon schwerer. Trachten, die aufgrund ihrer Farben und Webkunst als besonders wertvoll gelten, haben sich heute wie andere qualitätvolle Arbeit im Land durchgesetzt und verbreitet. Ein Beispiel hierfür ist die Tracht aus dem Ort Pazún: ein auffälliges Muster und ein roter Grundton, die heute auch in anderen Orten getragen wird.





Tracht aus Pazún
Quelle: Bernd Schmelz/Museum für Völkerkunde Hamburg


Auf meine Nachfragen, warum dem so ist, habe ich den Einblick bekommen, dass es hier vor allem um die Blusen geht, die in ihrer Herstellung als herausragend qualitätvoll und schön gelten. Es geht hier also durchaus um ein Modebewusstsein. Modisch heißt in diesem Zusammenhang dann nicht zwingend, westliche Kleidung zu tragen sondern durchaus die des eigenen Landes. Mädchen sagen hier häufig: „Ich möchte ja nicht aussehen wie meine eigene Großmutter.“ Es geht also um Farben und Muster, die von einer jüngeren Generation als modern empfunden werden.


Wie verhält es sich dann mit dem Tragen von Kombinationen, beispielsweise aus westlichem Rock und traditioneller Bluse?

Selten, aber es kommt vor. Eine traditionelle Bluse in Kombination mit einer Jeans wird eher von Touristinnen getragen als von einer Einheimischen. Wohl gibt es aber die Möglichkeit, traditionelle und moderne traditionelle Kleidung zu kombinieren. So gibt es beispielsweise Blusen, die ganz oder in Teilen maschinell gefertigt und nicht mehr handgewebt oder bestickt sind: nicht mehr in dem so genannten Rückenband-Webgerät, sondern mit der Nähmaschine. Auch spielt hierbei das Geld eine Rolle, die maschinell hergestellte Kleidung ist weitaus günstiger.


Also geht es hier durchaus um soziales Ansehen, wenn erkennbar ist, ob man seine Kleidung im Schneidergeschäft oder Konfektionshandel gekauft hat. Passiert es in diesem Zusammenhang auch, dass eine im Geschäft erworbene Bluse in Heimarbeit durch Stickereien aufgewertet wird?

Nein, das kann ich nicht beobachten.


Ein Wort zu den Motiven: welche Themenkreise werden hier verarbeitet oder besser gesagt: tradiert?

Da gibt es natürlich eine Vielzahl von Themen. Ein interessantes Phänomen ist hier allerdings, dass häufig die Bedeutung von Mustern im Lauf der Zeit in Vergessenheit gerät. Das kann man aber überall auf der Welt beobachten. Ein zentrales und wichtiges Motiv ist allerdings der Quetzál, ein Vogel, der mittlerweile in Guatemala zum Nationalsymbol geworden ist, auch die Währung ist nach ihm benannt. In voreuropäischer Zeit wurde der Quetzál von den Maya sehr verehrt und stand unter einem besonderen Schutz. Weitere wichtige Motive sind Pflanzen. Auch wenn sie häufig stilisiert dargestellt sind, werden sie eindeutig erkannt. Als Liebesgabe kommen bei Wandteppichen auch die Rose zum Einsatz oder die Kaffeepflanze, der man einen relativen Wohlstand zuordnet.


Das Wissen um die Muster und ihre Bedeutung wird wie tradiert: durch mündliche Überlieferung oder gibt es Schriftliches?

Innerhalb der Bevölkerung würde ich vorsichtig sein in Bezug auf das breite Wissen um die Symbole und Muster. Aber die Weberinnen selbst geben dieses natürlich unter sich immer weiter. 


Vom Eroberungszusammenhang und der Maya-Mythologie lässt sich unschwer die Brücke zur Befreiungstheologie schlagen: welche Entwicklung lässt sich nach der Einstiegsdiskussion der 1960er und 70er Jahre in Deutschland, aber besonders in Lateinamerika heute feststellen?

Auch hier ist es sinnvoll, die Länder zu unterscheiden ...


Dann lassen Sie uns wieder bei Guatemala und Peru bleiben, Ihren Forschungsgebieten.

In Ordnung. Guatemala ist in den letzten Jahren sicherlich im Brennpunkt evangelikaler Missionierung und katholischen Brauchtums gewesen, doch wie gesagt, bin ich der Meinung, dass hier der Katholizismus die Oberhand gewinnt. Und hier würde ich einfach eine Akzeptanz aus der Bevölkerung heraus sehen. Denn in den vergangenen Jahren hat es zur Genüge gespaltene Gemeinden gegeben, die in einen evangelikalen und einen katholischen Teil getrennt waren.


Politische Gemeinden?

Nein, nein, schon die Glaubensgemeinschaften selbst! Hier haben sich schlicht einige Mitglieder der einen oder anderen Glaubensrichtung zugehörig gefühlt und das auch gezeigt. Daraus sind dann eben Spaltungen innerhalb der Ortschaften und kleinen Dörfer entstanden. So kam es dann auch zu erheblichen Störungen des Sozialgefüges, was in einer großen Stadt sicherlich nicht diese Folgen gehabt hätte.

Erhebliche Probleme entstanden beispielsweise dadurch, das der gesamte – katholische – Festzyklus beeinträchtigt wurde, wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung stand. Auch das Thema Alkohol ist entscheidend, denn die Evangelikalen verbieten dessen Konsum.


Gab es in diesen Jahren der Entwicklung auch gewaltsame Auseinandersetzungen?

Auch die hat es gegeben.


Was kann man vergleichend über Peru sagen?

In Peru liegt die Situation etwas anders, hier sind die Evangelikalen nicht so stark vertreten wie in Mittelamerika. Dort war der Zugang für die Missionierung deutlich stärker.


Worauf kann man das konkret zurückführen?

In Guatemala herrschte und herrscht einerseits durch die regionale Nähe zu den USA aber auch durch die Zerrissenheit des Bürgerkriegs eine größere Armut. Dies hat sicher die Mission erleichtert.


In Guatemala hat es in der Vergangenheit eine Welle sozialer und ethnologischer Forschungsprojekte gegeben, die auf Bildung ausgelegt waren, aber im Hintergrund nicht selten religiöse oder andere dogmatische Strukturen hatten. Wichtige Hilfsmittel waren hier nicht selten Wörterbuchkampagnen und Alphabetisierungskurse für die einheimische Bevölkerung.

Ganz genau! Aber es war eben auch Geld im Spiel, dass Ortsgemeinden so zu Wohlstand kommen konnten und aus diesen Gründen konvertierten.


Zum Abschluss etwas zur Ethnologie und ihrer Forschungssituation in Deutschland: Wie ist der Status quo, welche Perspektiven sehen Sie?

In Deutschland haben wir mit Köln, Bonn und Hamburg und Berlin jeweils die bedeutendsten Standorte für lateinamerikabezogene Forschung. In Hamburg ist die Situation so, dass die Universität mit drei Ethnologie-Professuren gut  ausgestattet ist, allerdings ohne Lateinamerika-Bezug. Dies hat sich durch die Auflösung des Studiengangs Mesoamerikanistik als der Wissenschaft für den mittelamerikanischen Kulturraum nicht verbessert. Aus ethnologischer Sicht steht daher das Museum für Völkerkunde Hamburg ziemlich alleine da. Die Verbindung zur Universität im Rahmen des Studiengangs „Lateinamerikastudien“ geschieht hier durch meinen Lehrauftrag. Auf meine Initiative hin geschah nach der Schließung der Mesoamerikanistik die Aufwertung innerhalb der Lateinamerikastudien: die ehemaligen „Indigenen Kulturen“ wurden in „Altamerikanistik-Ethnologie Lateinamerikas“ umbenannt, um hier das Profil für die Ethnologie zu schärfen.

Wie sieht es in der Hamburger Theologie mit einer Spezialisierung auf Lateinamerika aus?

Im Moment ist da auch nichts. In der Vergangenheit gab es allerdings bei der evangelischen Theologie einen Historiker, Hans-Jürgen Prien, der sich mit Lateinamerika beschäftigt hat. Aber an und für sich herrscht in Hamburg eine sehr gute Infrastruktur: das Museum für Völkerkunde mit seiner Bibliothek, den Sammlungsbeständen und umfangreichen Fotoarchiv auf der einen Seite, aber auch die Universität mit den Lateinamerikastudien und anderen Studiengängen[6], die Staats- und Universitätsbibliothek mit der Linga-Bibliothek für Lateinamerikaforschung[7] und das GIGA[8]. Auch die Theologie-Bibliothek und die Nordelbische Kirchenbibliothek verfügen über ausgezeichnete Lateinamerika-Bestände.[9]


Das Gespräch führte Hans-Christian Roestel.


[1] Museum für Völkerkunde Hamburg: www.mvhamburg.de
[2] Archäologischer Komplex Huaca de la Luna: www.huacas.com
[3] Archäologischer Komplex Chan Chan: www.chanchan.gob.pe
[4] Museum Tumbas Reales de Sipán, Lambayeque: www.museosipan.com und Museum Hans Brüning: www.museobruning.com
[5] Der guatemaltekische Militärdiktator Efraín Ríos Montt stand der Regierung des Landes von 1982 bis 1983 vor. Eine erneute Kandidatur 2003 blieb erfolglos.
[6] www.uni-hamburg.de
[7] www.sub.uni-hamburg.de und www.linga-bibliothek.de
[8] German Institute of Global and Area Studies (GIGA): www.giga-hamburg.de
[9] www.theologie.uni-hamburg.de und www.nordelbische-kirchenbibliothek.de


Zum Autor:
Hans-Christian Roestel, geb. 1980, M.A., Journalist in Jork bei Hamburg.

Refbacks

  • Im Moment gibt es keine Refbacks