theologie.geschichte, Bd. 4 (2009)

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theologie.geschichte - Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte


Beate Rossié

„Christenkreuz und Hakenkreuz“ Eine Ausstellung und eine begleitende Publikation zu Kirchenbau und sakraler Kunst im Nationalsozialismus


Wenig bekannt und für die meisten Menschen überraschend ist die Tatsache, dass in der Zeit des Nationalsozialismus eine Vielzahl von Kirchen errichtet wurde. Darunter waren monumentale Bauwerke bekannter Architekten. Auch in der kirchlichen Kunst gab es damals eine intensive Produktivität, wie großformatige Altarbilder, umfangreiche Wand- und Deckenfresken sowie aufwendig gestaltete Taufsteine, Kanzeln und Kirchenfenster belegen. Nicht selten lassen diese sakralen Bauten und Kunstwerke NS-spezifische Ausdrucksformen erkennen.

Dieser Thematik widmet sich die Wanderausstellung „Christenkreuz und Hakenkreuz. Kirchenbau und sakrale Kunst im Nationalsozialismus“, erarbeitet von den Autorinnen Stefanie Endlich, Monica Geyler-von Bernus und Beate Rossié, der Verfasserin dieses Beitrags. Im Rahmen der Ausstellung werden erstmals Zahlen über den Kirchenbau der NS-Zeit in ganz Deutschland vorgelegt. Wie eine umfassende Recherche insbesondere bei Landeskirchlichen und Bistums-Archiven ergab, wurden zwischen 1933 und 1944 in Deutschland mehr als 1000 Kirchenbauten beider Konfessionen neu errichtet oder umgestaltet. Über 560 Kirchen wurden neu erbaut, mehr als 450 umgestaltet, häufig in gravierender Weise. [1] Aus dieser großen Zahl wurden signifikante Beispiele für sakrale Bauten und Kunstwerke mit NS-spezifischen Charakteristika ausgewählt, die nun in der Ausstellung zu sehen sind.

Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden Baustile, die in der NS-Zeit verbreitet waren und ideologische Inhalte transportierten. Im Kirchenbau jener Zeit häufig zu finden war etwa der romanisierende Stil, der sich besonders für zeitspezifisch nationalistische und militaristische Interpretationen eignete. Als Beispiel wird die 1938 fertig gestellte Reformations-Gedächtniskirche in Nürnberg gezeigt, ein Zentralbau im Rundbogenstil mit drei starken Türmen. Sie hat den Charakter eines wehrhaften Kastells und galt dem Architekten Gottfried Dauner als „Ausdruck unserer heutigen, herben, kämpferisch-heldischen Zeit“. [2] Wie ein traditionelles niedersächsisches Bauernhaus dagegen wirkt die Lutherkirche in Hamburg-Wellingsbüttel, 1937 nach dem Entwurf der Architekten Bernhard Hopp und Rudolf Jäger errichtet. Mit ihrer geziegelten Außenfassade und den Fachwerk-Emporen entspricht sie dem so genannten „Heimatschutz-Stil“, dessen Vertreter eine „bodenständige“ Bauweise postulierten. Die Lutherkirche wurde ganz im Sinne der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie gestaltet: Ihre Fassade ist mit altgermanischen Runen geschmückt, unter denen sich nicht nur die so genannte „Fruchtbarkeitsrune“ befand, die in vielen NS-Emblemen verwendet wurde, sondern auch das Hakenkreuz. Außerdem zeigt die Schau Beispiele für Sakralbauten im neoklassizistischen Stil, der ansonsten eher repräsentativen Staats- und Parteibauten vorbehalten war, sowie Beispiele für Kirchen im Kontext des NS-Siedlungsbaus.

Einen weiteren Fokus richtet die Ausstellung auf sakrale Kunst, die NS-Prägungen aufweist. Hier lassen sich verschiedene Ansätze heraus arbeiten. Zum einen wurden christliche Motive mit nationalsozialistischer Ideologie aufgeladen: So erschienen Heiligenfiguren nun überwiegend als Kämpfer und Helden, wie beispielsweise die martialische Darstellung des Hl. Michael an der ehemaligen Garnisonskirche des kleinen niedersächsischen Ortes Faßberg bezeugt. Auch das Christusbild der damaligen Zeit wurde einer extremen Heroisierung unterzogen. Vor allem die „Deutschen Christen“ propagierten einen „heldischen“ Jesus. Auf zahlreichen Altarbildern dieser Zeit wird Christus als gewaltige, athletische Gestalt wiedergegeben, häufig auch mit vermeintlich „arischen“ Merkmalen wie blondem Haar und blauen Augen. In der Ausstellung ist das Beispiel eines Auferstehungsfreskos mit hünenhaftem germanischem Christus zu sehen, das der Maler Heinrich Brüne 1938 für die Münchner Dreieinigkeitskirche geschaffen hat. Auch die Skulptur „Auferstehender“ in der mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1935 bis 1937 umgestalteten gotischen Dorfkirche im uckermärkischen Strasburg weicht in Physiognomie und Haartracht von der traditionellen Ikonographie ab. Der Bildhauer Günther Martin war zur damaligen Zeit für seine überlebensgroßen Skulpturen bekannt, die als Verkörperungen des „nordischen Menschen“ galten.

Zum anderen drang selbst die nationalsozialistische Bildwelt in den kirchlichen Raum vor. So wurden NS-Propagandamotive in Kirchenräumen zur Schau gestellt, wie die Ausstellung anhand der monumentalen Skulpturengruppe „Deutsche Familie“ des Bildhauers Otto Flath deutlich macht. Die überlebensgroßen, mittelalterlich anmutenden Figuren exponierte man auf dem Altar der 1937 errichteten Lutherkirche in Lübeck. Blanker Antisemitismus geht aus einem Altarfresko in der Offenbacher Lutherkirche hervor. Die 1935 entstandene Kreuzigungsdarstellung zeigt einen der Schächer neben Christus in der Art der aggressiven judenfeindlichen Karikaturen im antisemitischen Hetzblatt „Der Stürmer“. Die NS-spezifische Gestaltung dieser beiden Lutherkirchen ging auf den Einfluss der „Deutschen Christen“ zurück: Sowohl die Pfarrer der zwei Kirchengemeinden als auch die Landesbischöfe der jeweiligen Landeskirchen waren DC-Vertreter. Adolf Hitler selbst übersandte eine Spende für die Wandbilder in der Vorhalle der Offenbacher Kirche. Wie die Ausstellung weiterhin dokumentiert, war sogar die Wiedergabe uniformierter Parteigenossen und nationalsozialistischer Symbole im sakralen Bereich kein Tabu. In einer Ingolstädter Aussegnungshalle etwa bildeten ein SA-, ein SS- und ein Reichsarbeitsdienstmann ganz im Sinne des nationalsozialistischen Opferkults die Spitze eines Totentanz-Freskos.

An der Gestaltung der 1935 fertig gestellten Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin-Mariendorf sind nahezu alle Aspekte einer von NS-Ideologie beeinflussten sakralen Kunst ablesbar. Diese Kirche wird in der Schau ausführlicher vorgestellt. Hier findet man den heroischen Christus als Altarkreuz. Taufe und Kanzel sind nicht nur mit dem Propagandamotiv der deutschen Mutter in der NS-spezifischen Ikonographie, sondern auch mit Portraits von SA-Männern geschmückt. In dem monumentalen, mit keramischen Reliefplatten verkleideten Triumphbogen wurden christliche und nationalsozialistische Zeichen systematisch miteinander verknüpft. Heute noch zu sehen sind dort Reliefköpfe von SA-Männern und deutschen Frontsoldaten. Entfernt wurden nach 1945 nur die Hakenkreuze, das NS-Hoheitszeichen und das Emblem der NS-Volkswohlfahrt. Wegen dieser besonders starken nationalsozialistischen Prägung und der Bandbreite ihrer NS-spezifischen Gestaltung schlugen die Autorinnen der Ausstellung „Christenkreuz und Hakenkreuz“ bereits 2006 in einem Gutachten für das Kirchliche Bauamt über die Martin-Luther-Gedächtniskirche vor, hier eine Dokumentationsstätte für kirchliche Architektur und Kunst der NS-Zeit einzurichten.

Die in diesem Text erwähnten und andere Beispiele dokumentiert die Ausstellung „Christenkreuz und Hakenkreuz“ auf fünfzig leichten Bild-Text-Fahnen in deutscher und englischer Sprache. Gestaltung und Entstehungsgeschichte der einzelnen Kunstwerke und Kirchenbauten werden dargelegt, die ausführenden Künstler vorgestellt. Jedes Beispiel wird durch aktuelle und historische Aufnahmen dokumentiert. Die Ausstellung wurde erstmalig in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin im ersten Halbjahr 2008 gezeigt. Von Januar bis März 2009 war sie in der Galerie der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst in München zu sehen. Vom 28. Mai bis zum 30. Juni 2009 wird sie unter der Schirmherrschaft des Braunschweigischen Landesbischofs in der dortigen Brüdernkirche Station machen. Weitere Ausstellungs-Stationen sind in Planung.

Im Oktober 2008 erschien das Katalogbuch zur Ausstellung ebenfalls unter dem Titel „Christenkreuz und Hakenkreuz. Kirchenbau und sakrale Kunst im Nationalsozialismus“, herausgegeben von Stefanie Endlich, Monica Geyler-von Bernus und Beate Rossié. [3] Es enthält die vollständige Dokumentation der Ausstellung sowie vertiefende Beiträge von Johannes Tuchel (Nationalsozialismus und christliche Kirchen), Holger Brülls (Kirchenbau im Nationalsozialismus), Beate Rossié (Kirchliche Kunst im Nationalsozialismus), Stefanie Endlich (Formen des Umgangs mit nationalsozialistischen Bauten und Kunstwerken), Manfred Gailus (Protestantismus und Nationalsozialismus aus rezeptionsgeschichtlichem Blickwinkel) und Lucia Scherzberg (Das kirchenreformerische Programm katholischer pro-nationalsozialistischer Theologen).

Ausstellung und Publikation stoßen auf großes Interesse. Das spiegeln die Besucherzahlen, Ausstellungs-Anfragen, Buchverkäufe und die Resonanz in Öffentlichkeit und Medien. An den Reaktionen wird deutlich, dass hier ein wenig beachtetes Thema öffentlich gemacht wurde. So schrieb Bernhard Schulz im Berliner Tagesspiegel vom 20. April 2008, die Ausstellung habe „Erstaunliches zutage gefördert“. Und im Besucherbuch hieß es, die Ausstellung erinnere „an ein weitgehend verdrängtes Kapitel der Kirchengeschichte“.


[1] Die Zahlen beruhen auf Recherchen bei Landeskirchlichen und Bistums-Archiven, bei Denkmalämtern und kirchlichen Bauämtern sowie in zeitgenössischen Dokumenten und Zeitschriften. Die Recherchen sind noch nicht abgeschlossen. Die Autorin bereitet ein vertiefendes Forschungsprojekt zu dem Thema vor.
[2] Gottfried Dauner, Reformationsgedächtniskirche! In: Maxfeld-Bote, Monatsblatt der ev.-luth. Gemeinde Nürnberg-Maxfeld, 1. Jg., August 1934
[3]  Stefanie Endlich, Monica Geyler-von Bernus, Beate Rossié (Hrsg.), Christenkreuz und Hakenkreuz. Kirchenbau und sakrale Kunst im Nationalsozialismus, Metropol Verlag Berlin 2008, 163 S., 19,- €,  ISBN: 978-3-940938-12-1




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