theologie.geschichte, Bd. 7 (2012)

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Horst Junginger, Die Verwissenschaftlichung der „Judenfrage“ im Nationalsozialismus (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 19), Darmstadt 2011, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 480 S., 59,90 EUR, ISBN 978-3-534-23977-1


Im Mittelpunkt der religionswissenschaftlich inspirierten Studie steht der Versuch der Nationalsozialisten, den Rassenantisemitismus wissenschaftlich zu legitimieren und somit das Odium eines primitiven Radau-Antisemitismus, gegründet auf vormodernen Vorurteilen, abzustreifen. Horst Junginger geht dabei insbesondere der Frage nach, wie sich tradierte christlich-religiöse Stereotypen der Judenfeindschaft und moderne nicht-religiöse Begründungen gegenseitig beeinflussten und ergänzten. Denn entgegen dem Anspruch der Nationalsozialisten, einen modernen, naturwissenschaftlich unterfütterten Rassenbiologismus zu vertreten, stand das NS-Regime bei der Rassengesetzgebung vor dem Dilemma, dass sich das Konstrukt einer einheitlichen jüdischen Rasse nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden nachweisen, sondern nur mit dem Kriterium der Religionszugehörigkeit definieren ließ. Die Unterscheidung zwischen „Ariern“ und „Juden“, die aus dem deutschen Volk ausgeschlossen werden sollten, beruhte allein auf der Auswertung der kirchlichen Taufverzeichnisse. „Nichts außer der Religion ermöglichte die Verwandlung eines Juden in einen Rassejuden und keine andere Urkunde als der Taufschein bedeutete das Entree-Billet in den arischen Rassenverband.“

Die nationalsozialistischen Bemühungen zur Erforschung der „Judenfrage“ fielen im akademischen Milieu der Eberhard Karls Universität auf einen sehr fruchtbaren Boden, wie Junginger an der Geschichte dieser traditionsreichen, zutiefst protestantisch geprägten Universität nachweist. Hier war man noch in der Weimarer Zeit stolz darauf, keinen jüdischen Hochschullehrer auf eine ordentliche Professur berufen zu haben.

Tübingen war zugleich die Wirkungsstätte des hochangesehenen Theologen Gerhard Kittel, der 1926 die Nachfolge Adolf Schlatters angetreten hatte. Er galt als ausgewiesener Experte für das antike Judentum und palästinische Urchristentum und übernahm 1933 die Neuherausgabe des Theologischen Wörterbuchs zum Neuen Testament, das Kittel als das „antijüdischste Buch der ganzen Welt“ bezeichnete. Im Mai desselben Jahres trat er (zusammen mit drei weiteren Professoren der Evangelisch-theologischen Fakultät) der NSDAP bei und plädierte in seiner Schrift Die Judenfrage für die strikte Ausgrenzung der jüdischen Minderheit. Er berief sich dabei auf den tradierten christlichen Antijudaismus, der für ihn – wie für viele andere Theologen dieser Zeit – zum Grundbestand des christlichen Weltbildes und der christlichen Verkündigung zählte. Da die Juden den Erlöser getötet hätten und sich einer Konversion zum Christentum, dem neuen Bund, verweigerten, könne die Lösung der „Judenfrage“ nur im Zuge einer strengen Separierung erfolgen. Er erwog auch „eine gewaltsame Ausrottung des Judentums“, die aber für „eine ernsthaft Betrachtung nicht in Frage“ komme. Um der Assimilation und inneren Zersetzung zu begegnen, pries Kittel als Vorbild die Ghettoisierung der Juden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts an, womit das Christentum einen wesentlichen Beitrag zur Rassenentwicklung des Abendlandes geleistet habe. Erst im Gefolge von Aufklärung und Emanzipation habe die Gefahr eines neuen Weltjudentums wieder erstehen können. Wenn der nationalsozialistische Staat sich nunmehr dieser Gefahr erwehre, so verfolge er damit nicht nur ein staatspolitisch wünschenswertes Ziel, sondern greife den Grundgedanken der christlich-mittelalterlichen Separierung wieder auf.

Die Entwicklung und Radikalisierung dieser und ähnlicher Positionen analysiert Junginger in einem breiten Kontext, der das ganze Geflecht unterschiedlicher Disziplinen und Forschungsstätten der nationalsozialistischen „Judenforschung“ nachzeichnet. Im Mittelpunkt steht jedoch die Universität Tübingen und das intellektuell wie moralisch desaströse Wirken der dort beheimateten Hauptprotagonisten.

Die wissenschaftliche Beschäftigung sollte immer auch einen praktischen Beitrag zur Lösung der „Judenfrage“ leisten, auch wenn dies nach 1945 aus naheliegenden Gründen geleugnet wurde. So arbeitete etwa Kittel sehr aktiv in der 1936 in München gegründeten Forschungsabteilung Judenfrage des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands (Walter Frank) mit, leistete Zuarbeiten für die Wanderausstellung Der ewige Jude (1937/38) oder verfasste gutachterliche Stellungnahmen zur rassischen Bestimmung der persischen, afghanischen und kaukasischen Juden (1943). Sein Schüler Karl-Georg Kuhn wiederum wurde 1942 zum ersten außerplanmäßigen Professor des Dritten Reiches für die Erforschung des Judentums und der „Judenfrage“ ernannt und beteiligte sich aktiv an der Ausplünderung jüdischer Bibliotheken im besetzten Osteuropa.

Als anerkannte Talmud-Experten bedienten Kittel und Kuhn im wissenschaftlichen Gewande die antisemitischen Klischees, wonach es Juden im Talmud gestattet oder gar geboten sei, Nichtjuden zu töten, und orchestrierten damit die nationalsozialistische Rhetorik der legitimen Selbstverteidigung gegen die jüdische Weltverschwörung. So erklärte Kittel in einem Gutachten für den geplanten Schauprozess gegen Herschel Grynspan ausdrücklich, die Schüsse auf Ernst vom Rath in der Pariser Gesandtschaft seien als Fanal eines jüdischen Angriffskrieges zu verstehen.

Die Radikalisierung der NS-Judenpolitik bedurfte dieses Zuspruchs sicherlich nicht, doch erst die wissenschaftliche Legitimierung der tradierten, vielfach religiös begründeten antijüdischen Ressentiments schuf die Aura einer objektiven Notwendigkeit zur Lösung der „Judenfrage“. So ist es nach Ansicht Jungingers kein bloßer Zufall, dass eine beachtliche Anzahl der Exekutoren der Endlösung aus dem studentischen Milieu der Universität Tübingen stammte: Rudolf Bilfinger, Erich Ehrlinger, Alfred Rapp, Martin Sandberger, Walter Stahlecker, Eugen Steimle oder Ernst und Erwin Weinmann. Sie stellten keine sozialen Außenseiter dar, sondern kamen aus gut bürgerlichen, teils tief protestantisch geprägten Elternhäusern – fünf der Genannten hatten ihr Studium sogar mit einer Promotion abgeschlossen. Aus dem weiteren Tübinger Umfeld stammten auch die berüchtigten Einsatzgruppenführer Theodor Dannecker und Paul Zapp. Sie waren, wie Junginger in biographischen Skizzen ausführt, bereits weltanschaulich gefestigte Antisemiten, als sie dem SD und der SS beitraten. „Sie mordeten nicht, weil man es ihnen befohlen hatte, sondern weil sie es für richtig hielten und weil sie in ihrem Innern von der Notwendigkeit überzeugt waren, zum Wohle Deutschlands so viele Juden als nur irgend möglich umzubringen.“ Sie waren, wenn man so will, Täter mit gutem Gewissen. Gewiss hatten angesehene akademische Lehrer wie Gerhard Kittel, Karl-Georg Kuhn oder Max Wundt nicht offen zur Ermordung des europäischen Judentums aufgerufen, aber sie hatten mit ihrer Hetze die Außerkraftsetzung aller moralischen Maßstäbe und rechtlichen Normen der bürgerlichen Gesellschaft legitimiert.

Nach 1945 gelang fast allen Tätern nach der Verbüßung relativ kurzer Gefängnisstrafen die Rückkehr in ihr bürgerliches Leben, wobei eine sehr aktive kirchliche Lobby 1958 auch die Freilassung Sandbergers, eines der Haupttäter des Völkermordes im Baltikum, erreichte. Kuhn wurde von einer nachsichtigen Spruchkammer entlastet und konnte 1949 seine akademische Laufbahn (nunmehr wieder im Rahmen der Evangelisch-theologischen Fakultät) zunächst in Göttingen, später in Heidelberg fortsetzen. Kittel verstarb 1948 vor Aufnahme eines Spruchkammerverfahrens.

„Die im Medium der Rasse“ erfolgte wissenschaftliche Begründung für das ‚Judenproblem’ war nicht nur imstande“, so das Resümee Jungingers, „religiöse und nichtreligiöse Aspekte der Judenfeindschaft zu einer explosiven theologischen Mischung zusammenzuballen. Sie bildete auch das Missing link zwischen ‚gewöhnlichen’ Formen der Judenfeindschaft und genozidalen Antisemitismus der Schoah.“ Diese These wird gewiss auch auf Widerspruch stoßen, da vielfach mit einer antithetischen Gegenüberstellung argumentiert wird und der religiöse Antijudaismus die Konversion zum christlichen Glauben als Überlebenschance bereithielt. Dennoch stehen „beide Formen der Judenfeindschaft nicht in einem antagonistischen Ausschließlichkeitsverhältnis zu einander“, wie Junginger zu Recht betont. „Vielmehr charakterisiert sich auch der moderne Antisemitismus durch das Nebeneinander von religiösen und nichtreligiösen Faktoren und zeichnet sich durch eine Vielzahl von Übergängen und Mischformen aus.“ Diesen engen Konnex am Beispiel der Eberhard-Karls-Universität gezeigt zu haben, ist der Verdienst dieser Studie.


Zum Rezensenten:
Dr. Clemens Vollnhals M.A., geb. 1956, ist Stellvertretender Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung e.V. und Lehrbeauftragter für Zeitgeschichte an der TU Dresden.

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