theologie.geschichte, Bd. 2 (2007)

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theologie.geschichte - Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte

Wilfried Loth

Georg Friedrich Dasbach – Kulturkämpfer und Baumeister des Katholizismus[*]

Georg Friedrich Dasbach starb am 11. Oktober 1907.Am 15. Oktober 1907 wurde er in Trier zu Grabe getragen. Der einfache Sarg – nach dem Willen des Verstorbenen ohne Blumenschmuck – war in der Paulinus-Druckerei in der Fleischstraße aufgestellt worden. Von dort trugen ihn die ältesten Angestellten des Verlages in die Gangolfkirche, wo das Traueramt zelebriert wurde. Danach ging der Trauerzug von St. Gangolf bis zur Porta Nigra und weiter zum städtischen Friedhof. Zahlreiche Geistliche und Politiker der Zentrumspartei nahmen daran teil, Angehörige des Paulinus-Verlages und Delegationen von Vereinen aus allen Teilen des Trierer Bistums. Vor allem aber waren es „Tausende von Landleuten, denen der Verstorbene ein so warmer Freund war“, wie die „Trierische Landeszeitung“ schrieb,[1] die sich dem Zug anschlossen oder am Wege standen. Das Gedränge war so groß, dass der Straßenbahnverkehr für einige Zeit aussetzen musste. Nahezu jede Zeitung im Deutschen Reich berichtete über den Tod des bekannten Priesters, Verlegers und Reichstagsabgeordneten, der als einer der Wortführer der „demokratischen“ Richtung in der Zentrumspartei galt.

Wer war dieser Georg Friedrich Dasbach, der in der kirchlichen Laufbahn nie über das Amt eines Kaplans hinausgekommen war und doch das kirchliche und politische Leben an Mosel und Saar in der Zeit des deutschen Kaiserreichs geprägt hat wie kein zweiter?[2] Der Bürgermeister von Manderscheid meinte in einem Bericht, den er auftragsgemäß im März 1893 an den Landrat von Wittlich ablieferte, er sei „ein Sozialdemokrat ersten Ranges“, ein „politischer Parteiführer“. „Zur Zeit des Kulturkampfs gründete er als gesperrter Kaplan ein Blatt, Paulinus, welches die Staatsregierung fort und fort auf das Schärfste angriff. Der Kaplan zog im Trierer Bezirk umher und hielt überall politische Vorträge vor den Wahlen zum Land- und Reichstage. Sein Blatt, welches auch konfessionell agitierte, strotzte vor Beamtenbeleidigungen und Angriffen gegen die Staatsregierung.“ Um „die unwissenden Bauern weiter in die Hand zu bekommen und zu seinen politischen Zwecken zu benutzen“, habe er sich jetzt auch noch „auf das landwirtschaftliche Gebiet“ begeben.[3]

Dasbach hätte vermutlich eine Beleidigungsklage angestrengt, wenn der Bürgermeister diese Kritik öffentlich gemacht hätte. Tatsächlich verstand er sich als Kämpfer für die katholische Kirche und ihre angestammten Rechte, gegen die Herausforderungen durch Liberalismus, Materialismus, die Übermacht des modernen Staates und die Irrlehren des Sozialismus. Im März 1871 vom damaligen Trierer Bischof Matthias Eberhard geweiht, war und blieb er durch und durch Priester. Noch als Reichstagsabgeordneter in Berlin feierte er täglich die Heilige Messe und verbrachte die sitzungsfreie Zeit mit Beichthören. Samstagnachmittag und Sonntag, wenn das Parlament nicht tagte, fuhr er mit dem Zug in Diaspora-Orte in Brandenburg und Pommern, um dort die Messe zu lesen, Beichte zu hören und Kranke zu besuchen.

Freilich: Dasbachs Priestertum verband sich mit einem außerordentlichen Kampfgeist, der sich aus der besonderen Konstellation speiste, in der sich die katholische Kirche zu Beginn seiner Laufbahn befand. Georg Friedrich Dasbach (er benutzte später immer nur den zweiten Vornamen) war am 9. Dezember 1846 als erster Sohn eines Bäckers und Gastwirts in Horhausen im Westerwald zur Welt gekommen. Sein Vater starb, als er noch keine sechs Jahre alt war; ein Stiefvater, der Steinbruchbesitzer Anton Keil, führte die Gastwirtschaft weiter. Mit 14 Jahren kam er, wohl schon früh für den Priesterberuf vorgesehen, in das humanistische Gymnasium in Brilon im Sauerland, zwei Jahre später an das Gymnasium zu Trier, das spätere Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Dort legte er im August 1864 das Abitur ab; dann begann das Studium der Philosophie und Theologie am Trierer Priesterseminar.

Der überdurchschnittlich begabte und durchaus ehrgeizige Theologiestudent bewarb sich mehrmals für ein Studium am Collegium Germanicum, dem von Jesuiten betriebenen päpstlichen Kolleg für Priesterkandidaten aus dem Gebiet des früheren Römischen Reiches deutscher Nation und Ungarn in Rom. Dass er damit im Oktober 1866 Erfolg hatte, sollte für seine weitere Laufbahn von entscheidender Bedeutung sein: In Rom hatte Papst Pius IX. gerade mit dem Syllabus errorum den vermeintlichen Irrlehren der Zeit den Kampf angesagt, und das Collegium Germanicum gab den Geist dieser Kampfansage in vollem Umfang an seine Zöglinge weiter. Als Gipfel der Irrlehren galt die These: „Der römische Papst kann und muss sich mit dem Fortschritt, dem Liberalismus und der modernen Zivilisation aussöhnen und vergleichen“, so der 80. und letzte Satz des Syllabus.[4] Das I. Vatikanische Konzil, das mit der Verkündigung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes endete und somit ein machtvolles Selbstbewusstsein der römisch-katholischen Weltkirche demonstrierte, erlebte Dasbach in Rom aus nächster Nähe mit.

Von einer krankheitsbedingten Unterbrechung seines Studiums im Juni 1870 ließ ihn sein Bischof nicht mehr nach Rom zurückkehren, vermutlich, weil ihm die Verhältnisse dort wegen der Einnahme des Kirchenstaats durch Truppen der italienischen Nationalbewegung zu unsicher geworden waren. Stattdessen wurde Dasbach, wie schon erwähnt, im März 1871 zum Priester geweiht und im April sogleich in eine Kaplansstelle in der Trierer Pfarrei St. Gervasius eingewiesen. Damit trat er just in dem Moment in den kirchlichen Dienst, als Bismarck und die deutschen Liberalen ihren „Kulturkampf“ gegen die angestrebte Verstärkung der kirchlichen Machtstellung im neuen deutschen Kaiserreich begannen.[5] Als die Bischöfe von der Regierung verlangten, Geistliche und Laien, die sich weigerten, das neue Dogma der Unfehlbarkeit anzuerkennen, ihrer Ämter zu entheben, auch wenn diese staatlich alimentiert waren, hob Bismarck im Juni 1871 die „Katholische Abteilung“ des preußischen Kultusministeriums auf und sperrte Bischöfen, die Altkatholiken mit dem großen Kirchenbann belegten, kurzerhand die staatlichen Gelder.

Dass der junge Kaplan voller Begeisterung über seine römischen Erfahrungen zu denjenigen gehörte, die gegen die ersten Maßnahmen des Kulturkampfs protestierten, kann nicht überraschen. Beim Protest gegen den „Kanzelparagraphen“ vom November 1871, mit dem den Geistlichen politische Agitation untersagt wurde, war Dasbach ebenso dabei wie beim Aufruhr angesichts der Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht und der Ausweisung des Jesuitenordens 1872. Bemerkenswerter ist, dass er bei diesen Protesten eine Reihe besonderer Fähigkeiten zur Geltung bringen konnte: seinen Sinn fürs Praktische, seine organisatorische Begabung, seine Fähigkeit zu verständlicher Darstellung und seine Lust an der Polemik. So wurde er zum eigentlichen Organisator des Katholikenvereins, den die Trierer Anhänger der ultramontanen, ganz papsttreuen Richtung im Katholizismus – vor allem Seminarprofessoren und der jüngere niedere Klerus – im August 1872 ins Leben riefen, und zum wirkungsvollsten Agitator des Trierer Landes im Wahlkampf zu den Reichstagswahlen vom Januar 1874, die dem Zentrum den großen Durchbruch bescherten.

Mit einer Wahlbroschüre und weiteren Pamphleten, großspurig als „Volksbibliothek“ präsentiert, verdiente Dasbach ordentlich Geld; und mit diesem Geld war er dann in der Lage, den zuvor wenig erfolgreichen Versuch einer ultramontanen Zeitungsgründung in Trier zum 1. Januar 1875 durch ein eigenes Unternehmen abzulösen: das „Sanct-Paulinus-Blatt“, einem, wie er schrieb, „politisch-kirchlichen Sonntagsblatt“, dem zum 1. April die „Katholische Volkszeitung“ (später: „Trierische Landeszeitung“) als Tageszeitung folgte. Ein angestellter Redakteur betreute vorerst beide Organe des gerade einmal 28 Jahre alten Verlegers. Im Juli 1875 kaufte Dasbach die Druckerei, in der beide Zeitungen hergestellt wurden; sie firmierte fortan im Handelsregister unter „St. Paulinus-Druckerei, F. Dasbach“.

Der Name war Programm. Dasbach bezog sich auf den frühchristlichen Bischof Paulinus von Trier, der sich auf der Synode von Arles 353 als einziger gegen die Irrlehre des Arianismus ausgesprochen hatte und dafür vom Kaiser bis zum Lebensende nach Phrygien verbannt worden war. Wie Paulinus wurde jetzt Bischof Eberhard, der wegen Verweigerung der Anzeigenpflicht bei Besetzung der Pfarrstellen gerade 300 Tage im Gefängnis verbracht hatte, als Kämpfer für die Freiheit der Kirche und die Reinheit des Glaubens gefeiert. Das ganze katholische Volk sollte dem Bischof in diesem Kampf beistehen, und dazu sollte es durch die neuen Zeitungen mit den nötigen Instruktionen versorgt werden.

Mit der Mobilisierung des einfachen Volkes – die dem Bischof zunächst gar nicht recht war – betraten Dasbach und die Ultramontanen in den anderen Teilen des Reiches Neuland: Sie nutzten das allgemeine und gleiche Wahlrecht, das bei den Wahlen zum Reichstag zum ersten Mal galt, um die „kleinen Leute“ in ihrem Sinne zu politisieren und damit eine Waffe im Kampf mit der preußischen Obrigkeit und dem liberalen Gegner zu schmieden. Da sie sich dazu auch der weltlichen Interessen ihrer Leser und Wähler annehmen mussten, entstand auf diese Weise eine mächtige soziale Bewegung und politische Kraft: der soziale und politische Katholizismus.

Der Erfolg, den die Zentrumspartei in den Wahlen vom Januar 1874 erzielt hatte, hielt an. Das Paulinus-Blatt brachte es mit seiner Mischung aus politischer Aufklärung, praktischen Informationen und gefälliger Unterhaltung im ersten Jahr auf 14.500 Abonnenten, dreimal mehr als sie das angestammte „Eucharius-Blatt“ des katholischen Bürgertums der Trierer Region seit Jahren aufwies. Das „Eucharius-Blatt“ hielt sich übrigens noch bis 1882; dann musste es der weitaus populäreren Konkurrenz Dasbachs weichen.

Die Strafe für den Erfolg folgte auf dem Fuß. Den preußischen Behörden blieb nicht verborgen, dass „der Kaplan Dasbach der rührigste und gefährlichste Agitator von allen“ ist, wie der Regierungspräsident von Trier im Dezember 1873 nach Berlin berichtete.[6] Anfang August 1875 wurde ihm von der Bezirksregierung die Erteilung von Religionsunterricht untersagt; sechs Wochen später wurde er als Kaplan von St. Gervasius „gesperrt“, das hieß: er durfte sein Amt nicht mehr ausüben und erhielt auch kein Gehalt mehr. Weil man in der Paulinus-Redaktion „auf unserem Schreibtische zwischen das Tintenfass und das Sandfass das Deutsche Strafgesetz gelegt“ hatte, wie Dasbach einmal formulierte,[7] also sehr sorgfältig darauf achtete, keinen Anlass zu staatlichen Zwangsmaßnahmen zu geben, fiel die Begründung für die Sperrung schwer. Letztlich musste das fragwürdige Argument herhalten, dass Dasbach in einer Pfarrei tätig war, für die der Bischof immer noch keine Besetzungsgenehmigung eingeholt hatte.

Nachdem zu Beginn der 1880er Jahre die ersten „Milderungsgesetze“ zum Abbau des Kulturkampfes in Kraft getreten waren, stellte Dasbach im Dezember 1882 beim preußischen Kultusministerium einen Antrag auf Aufhebung der Sperre. Der wurde freilich nach einem Irrweg durch die Behörden vom Oberpräsidenten der Rheinprovinz mit der fadenscheinigen Begründung abgelehnt, er sei für eine solche Aufhebung nicht zuständig. Dasbach engagierte sich darauf hin als Aushilfspriester in der Trierer Pfarrei St. Antonius und später, weil ihm der Pfarrer von St. Antonius nichts von dem Kostgeld für einen Kaplan abgeben wollte, als Hilfsgeistlicher ohne Bezahlung in St. Gangolf, der Pfarrei, der er als Anwohner der Fleischstraße angehörte.

Nach dem Abklingen des Kulturkampfs ging die Auflage des „Paulinus-Blatts“ keineswegs zurück; sie stieg vielmehr kontinuierlich weiter an. 1882 lag sie bei 17.000, 1885 bei 27.000. Bis zum Tode Dasbachs im Oktober 1907 erreichte sie 41.000. Das Sonntagsblatt und eine umfangreiche Verlagsproduktion mit Ratgebern, Belletristik („Dasbachs Novellenkranz“) und theologischer Literatur subventionierten die zeitweilig kränkelnde Tageszeitung. Weitere Zeitungen kamen hinzu, so 1879 die „Rhein- und Wiedzeitung“ in Linz, 1884 die „St. Johanner Volkszeitung“ (später „St. Johann-Saarbrücker Volkszeitung“ und 1894 die „Neunkirchener Zeitung“. In der zweiten Hälfte der 1890er Jahre sanierte Dasbach die „Märkische Volkszeitung“ in Berlin.

Die umfangreiche verlegerische Tätigkeit Dasbachs als Alleinbesitzer des Paulinus-Unternehmens war aber kein Selbstzweck. Stets ging es um die Mobilisierung der katholischen Wähler für die Zentrumspartei, und auch in dieser Hinsicht war Dasbach erfolgreich. Nach dem Abklingen des Kulturkampfs zu Beginn der 1880er Jahre trat das Eintreten für die sozialen Belange der Wähler stärker in den Vordergrund. Dasbach engagierte sich bei der Gründung des Trierischen Bauernvereins, der den von Realerbteilung und Wucherpraktiken bedrängten Kleinbauern und Winzern Rat und Hilfe zuteil werden ließ. Er gründete eine Landwirtschaftliche Bank, Spar- und Darlehenskassen nach dem Vorbild seines Landsmanns Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Winzervereine, schließlich einen Revisionsverband der Genossenschaftskassen.

In der zweiten Hälfte der 1880er Jahre beteiligte sich Dasbach auch an der Mobilisierung der Bergarbeiter an der Saar. Er sprach auf Arbeiterversammlungen, gab den „Sang von Lao-Fumtse“ heraus, der in satirischer Weise die Willkür der Bergbeamten geißelte, unterstützte den „Sozialpolitischen Verein für den Industriebezirk Saarbrücken“. Auf seinen Rat gründeten die Bergarbeiter nach einem fehlgeschlagenen Streik im Mai 1889 den „Allgemeinen Arbeiter Rechtsschutz-Verein“, die erste gewerkschaftliche Organisation an der Saar.

Mit seinem sozialpolitischen Engagement, das auch den anhaltenden kommerziellen Erfolg des „Paulinus“ erklärt, stieg Dasbach zu einem führenden Vertreter der „Zentrumsdemokraten“ auf – jener katholischen Politiker, die sich in besonderem Maße für die Belange der unteren Volksschichten einsetzten. Sie trugen damit zur Fundamentalpolitisierung von Kleinbauern, Arbeitern und sonstigen „kleinen Leuten“ ebenso bei wie zur sogenannten „zweiten Aufklärung“, mit der die Emanzipation dieser Schichten eingeleitet und die Grundlagen für eine demokratische Ordnung der Gesellschaft gelegt wurden.

Das störte manche Vertreter der hohen Geistlichkeit, des Adels und des katholischen Bürgertums. Besonders seit sich Kirchenführer wie der Breslauer Fürstbischof Georg Kardinal Kopp und bürgerliche Zentrumspolitiker für einen Ausgleich zwischen Kirche und Staat einsetzten, waren Dasbachs kämpferische Auftritte nicht mehr überall willkommen. So hatte er Schwierigkeiten, als Kandidat für das Preußische Abgeordnetenhaus und den Reichstag nominiert zu werden. Erst 1889 gelang es ihm, in den Preußischen Landtag gewählt zu werden (in einem Wahlkreis des Regierungsbezirks Kassel); und erst 1898 wurde er zugleich Reichstagsabgeordneter (als Vertreter des Wahlkreises Aachen-Land und Eupen). 1898 konnte er sich auch als Landtagskandidat für Trier-Stadt und Land durchsetzen, 1903 als Reichstagskandidat für den Wahlkreis Prüm-Daun-Bitburg. Vorausgegangen waren jedes Mal harte innerparteiliche Auseinandersetzungen. 1903 gab es sogar einen zweiten offiziellen Kandidaten des Zentrums, den Grafen von Galen, der freilich bei den Wählern mit 10,5 Prozent weit hinter Dasbach (86,4 Prozent) zurückblieb.

In den Parlamentsfraktionen aber erwarb sich Dasbach bald Anerkennung durch außerordentlichen Fleiß, große Sachkompetenz, die er sich jeweils rasch aneignete, und klares Eintreten für seine Prinzipien. Sein Fraktionskollege Hermann Roeren, Rechtsanwalt aus Köln, bezeugte in einem Prozess wegen übler Nachrede im Jahr 1900: „Kaplan Dasbach genießt ungeteilt in der ganzen Fraktion die größte Anerkennung wegen seiner seltenen Opferwilligkeit, seiner Selbstlosigkeit und seines ganz unglaublichen Fleißes, namentlich aber auch wegen seiner großen Gefälligkeit. [...] Hat man irgend etwas, will man z.B. eine Rede im Plenum halten und wendet sich an Dasbach um Material, so ist er stets bereit solches zu sammeln. [...] Er kann es nicht ertragen, dass auch aus der Fraktion viele fehlen und in seinem Eifer erlässt er sehr häufig Aufforderungen an fehlende Mitglieder, damit sie zur Stelle sind, wenn über dieses oder jenes Gesetz abgestimmt wird. Ja, er erlässt auf eigene Kosen Telegramme an einzelne, fehlende Mitglieder, um sie heranzuziehen.“[8]

Ein anderes Zeugnis illustriert Dasbachs Arbeitsweise in Berlin noch besser: „Ich traf ihn eines Tages nachts in Berlin um elf Uhr nach einer schweren Parlamentssitzung auf dem Bahnhof Friedrichstraße. Er steckte einige Briefsachen eigenhändig in den Postwagen des Nordexpress. Dasbach sagte: ‚Gut, wenn wir noch etwas reden wollen, müssen Sie mit mir in das nächste Restaurant gehen. Ich habe nämlich seit Mittag nichts mehr zu essen bekommen und muss doch wegen der Messe morgen früh vor zwölf meinen Hunger stillen. Sie können ja auch noch etwas Zeitung dabei lesen, bis ich mein Brevier gebetet habe. Das habe ich heute auf die letzte Stunde verschieben müssen.’“ Der Zeuge kommentiert: „Ja, er war in gewissem Sinne ein ‚Hetzkaplan’, das heißt in der Arbeitshetze, die er sich auferlegte.“[9] Freizeit oder Muße kannte Dasbach praktisch nie.

Als Reichstagsabgeordneter zog er gegen hohe Steuern für Militärausgaben zog ebenso unermüdlich zu Felde wie gegen menschenverachtende Praktiken in der Kolonialverwaltung, gegen Soldatenmisshandlungen und für die Interessen des „kleinen Mannes“. Mit großem Eifer beteiligte er sich an der Kampagne zur Ablehnung des Nachtragshaushalts zur Niederkämpfung des Herero-Aufstands in Südwestafrika, die gegen den Willen der Zentrumsführung zur vorzeitigen Reichstagsauflösung vom Dezember 1906 führte. Seine Wiederwahl in den sogenannten „Hottentottenwahlen“ vom 25. Januar 1907, die in einer Atomsphäre des allgemeinen Aufruhrs gegen die wilhelminische Weltpolitik stattfanden,[10] geriet zu einem regelrechten Triumph: Dasbach, der seinen Wahlkreis jetzt unangefochten beherrschte, erhielt 92 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Wäre nicht der vorzeitige Tod dazwischen gekommen, hätte der unterdessen erfahrene Parlamentarier - 18 Jahre im Preußischen Abgeordnetenhaus und neun Jahre im Reichstag – wohl auch noch auf Reichsebene Karriere gemacht, wie es seinem Mitstreiter Matthias Erzberger später gelang. Dasbach erlag freilich mit 60 Jahren einem nur wenige Monate zuvor ausgebrochenen Krebsleiden.

Friedrich Dasbach war kein philosophischer Kopf und kein überragender Stratege. Die Problematik der kirchlichen Kampfansage an die Moderne ist ihm nie aufgegangen. Die christlichen Parteien, so meinte er einmal, hätten „eine neue Gesellschaftsordnung gar nicht nötig, denn die ihre ist von Gott eingesetzt, und sie ist deshalb in der Lage, jetzt schon für die arbeitenden Klassen einzutreten.“[11] Das war in mancher Hinsicht naiv; durchdachte Konzepte zu den Fragen der Zeit waren von ihm nicht zu erwarten. Auch eckte er mit seiner Geradlinigkeit häufig an. Taktisch kluge Kompromisse waren seine Sache nicht. Auf Anfeindungen, die umso heftiger wurden, je größer seine politische Macht wurde, reagierte er häufig ungeschickt mit Verleumdungsklagen und kleinlicher Polemik.

Trotz dieser Einschränkungen muss Dasbach als einer der wichtigsten Baumeister des sozialen und politischen Katholizismus in Deutschland bezeichnet werden. Er wuchs in diese Rolle hinein durch seine unermüdliche Schaffenskraft, seinen außerordentlichen Sinn für das Praktische und Naheliegende und seine große Hilfsbereitschaft, die in einem tiefen Glauben wurzelte. Eine kollektive Erinnerung, die in starkem Maße von den damaligen Zentrums-Honoratioren geprägt wurde, den Gegnern seines politischen Triumphs von 1907, hat das weitgehend in Vergessenheit geraten lassen. Umso wichtiger ist es, sich heute, 100 Jahre nach dem Tod von Georg Friedrich Dasbach, wieder daran zu erinnern.


[*] Annotierte Fassung eines Vortrags aus Anlass des 100. Todestages von Georg Friedrich Dasbach am 12.10.2007 in Trier.
[1] Trierische Landeszeitung 16.10.1907.
[2] Grundlegend zu Dasbach sind Hubert Thoma, Georg Friedrich Dasbach. Priester – Politiker – Publizist, Trier 1975, und Ulrich Fohrmann, Trierer Kulturkampfpublizistik im Bismarckreich. Leben und Werk des Presskaplans Georg Friedrich Dasbach, Trier 1977; zur sozialpolitischen Rolle Dasbachs auch Karl Josef Rivinius, Die sozialpolitische und volkswirtschaftliche Tätigkeit von Georg Friedrich Dasbach (1846-1907), in: Soziale Frage und Kirche im Saarrevier. Beiträge zu Sozialpolitik und Katholizismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, Saarbrücken 1984, S. 109-182. Eine umfassende Würdigung, die Dasbach in den Kontext der Entwicklung des sozialen und politischen Katholizismus stellt, steht noch aus. Die folgende Skizze möchte hierzu einige Anregungen bieten.
[3] Zitiert nach Thoma, Dasbach, S. 204.
[4] Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, begründet von Heinrich Denzinger, hg. von Peter Hünermann, Freiburg i.B. 37. Aufl. 1991, S. 809. Vgl. Martin Friedrich, Kirche im gesellschaftlichen Umbruch. Das 19. Jahrhundert, Göttingen 2006, S. 171-179.
[5] Vgl. Wilfried Loth, Bismarcks Kulturkampf. Modernisierungskrise, Machtkämpfe und Diplomatie, in: Anselm Doering-Manteuffel / Kurt Nowak (Hrsg.), Religionspolitik in Deutschland. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Martin Greschat zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1999, S. 149-163.
[6] Der Regierungspräsident von Trier an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz 22.12.1873, zitiert nach Thoma, Dasbach, S. 56.
[7] Paulinus 11.4.1875, zitiert bei Thoma, Dasbach, S. 115.
[8] Prozess Dasbach gegen Haubrichs, zitiert bei Thoma, Dasbach,  S. 309.
[9] Ebd. S. 322.
[10] Vgl. Wilfried Loth, Katholiken im Kaiserreich. Der politische Katholizismus in der Krise des wilhelminischen Deutschlands, Düsseldorf 1984, S. 81-131.
[11] G. F. Dasbach, Der Zukunftsstaat der Sozialdemokratie, Trier 1890, zitiert nach Rivinius, Sozialpolitische Tätigkeit, S. 164.

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