theologie.geschichte, Bd. 9 (2014)

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theologie.geschichte - Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte

Sidonie Kellerer, Zerrissene Moderne. Descartes bei den Neukantianern, Husserl und Heidegger. Konstanz: University Press 2013, 294 S., 34,90 €, ISBN: 978-3862530311


Die vorliegende Untersuchung stellt die überarbeitete Fassung einer Dissertation dar, die Sidonie Kellerer unter dem Titel Philosophische Grundlegungen. Stationen der Descartes-Rezeption bei den Marburger Neukantianern, Husserl und Heidegger im Rahmen eines wissenschaftlichen Kooperationsabkommens an den Universitäten Bonn und Toulouse II - Le Mirail einreichte und im Februar 2010 verteidigte (so die Auskunft der Autorin auf S. 265). Der jetzigen Einleitung nach beansprucht die Studie nicht so sehr, die Descartes-Rezeption bei den genannten deutschen Philosophen in der üblichen philosophiehistorischen Manier darzustellen und diese Rezpetion anhand der Originaltexte auf ihre philologische und hermeneutische Angemessenheit hin kritisch zu überprüfen, als vielmehr - angeregt durch die diskurskritischen Erwägungen Foucaults und Bourdieus - sich ein Urteil darüber zu bilden, warum es gerade Descartes' „philosophische Gedanken [sind], die überall dort aufscheinen und zum zentralen Bezugs- und Reibungspunkt werden, wo das Verhältnis von Philosophie, Wissenschaft und Technik sich zur Krise der Moderne gewandelt hat" (S. 12). Kellerer möchte die Art und Weise des jeweiligen philosophischen Umgangs jener Autoren mit Descartes, und zwar ihre impliziten und expliziten, philosophieinternen und -externen - z.B. ideologischen und politischen - Vorannahmen und Zwecke, genauer bestimmen - diskurstheoretisch gesprochen: einen Metadiskurs fuhren. Wie verhält sich die Untersuchung selbst zu diesem Programm?

Den ersten Teil der Untersuchung, der unter der Überschrift „Neuzeitlegende und Nationalheld" steht, verdeutlicht ganz allgemein, noch ohne speziellen Blick auf die im Titel geführten Gestalten der Rezeption der Descartesschen Philosophie in Deutschland, eine eigenartige Zerrissenheit in der Stellung zu Descartes in Frankreich und in Deutschland: Sowohl hier wie dort wird Descartes zwar als Vater der Aufklärung bzw. als Vater der Neuzeit gesehen, als Autonomist und Universalist. Zugleich aber wird er nationalisiert und damit, der Tendenz nach, seines universalistischen Anspruchs beraubt, und zwar von gewissen national betonten Kräften auf beiden Seiten des Rheins: In Frankreich ist er, in positiver Wertung, der Heros einer durch die Revolution auch politisch emanzipierten Nation; in Deutschland wird er in bestimmten Kreisen, in negativer Wertung, zum Repräsentanten eines gefühlskalten Rationalismus und eines die Volksgemeinschaft zerstörenden Individualismus stilisiert, bis er im Dritten Reich - worauf Kellerer ausführlicher im Zusammenhang mit Heidegger eingeht - zum Art- und Geistfremden erklärt wird.

Der zweite und der dritte Teil der Studie gehen dann detailliert auf die Descartesrezeption im Marburger Neukantianismus und auf die lebenslange Auseinandersetzung Husserls mit Descartes ein. Kellerer fragt, wie erfolgreich der Rückgriff der Marburger Kantianer (Cohen, Natorp, Cassirer) auf Descartes' Grundlegung von Philosophie und Wissenschaft im Kampf um die Relevanz der Philosophie für die Neubegründung der sich stürmisch entwickelnden und sich differenzierenden Naturwissenschaften sowie der durch Grundlagenkrisen erschütterten Mathematik, Logik und Physik einerseits und dem mit diesen Fascinosa und Paradoxa einhergehenden Prestige- und Relevanzverlust der Philosophie am Ausgang des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts andererseits war. Für Husserl zeichnet Kellerer nach, wie er sich nicht mit dem Versuch der Grundlegung des analytischen und des naturwissenschaftlichen Erkennens begnügt, sondern seine Erörterungen im Zuge seiner Cartesianischen Meditationen und seiner transzendentalphänomenologischen Wende auf die Analyse des Bewusstseins selbst ausdehnt, um ein fundamentum inconcussum nicht nur der Philosophie und der formalen und der materialen Wissenschaften, sondern auch der Alltags- und der Selbsterfahrung bereitzustellen. Sie zeigt, wie Husserl sich im Verlauf seiner zu keinem ihn befriedigenden Abschluss kommenden Grundlegungsbemühungen dem philosophischen Begründer der Neuzeit gegenüber je und je kritischer einstellt; den Höhepunkt dieser Distanzierungsbewegung stellt die Krisis-Schrift von 1936 dar.

Im vierten und fünften Teil ihrer Analysen beschäftigt sich Kellerer mit Heidegger und seinem Umfeld. Dessen Auseinandersetzung mit Descartes ist eher verdeckt: Er gilt ihm als Repräsentant der Neuzeit, die von analytischem, wissenschafts- und technikhörigem Rationalismus sowie weit- und gemeinschaftsfernem Subjektivismus bestimmt sei. Von daher gehört Descartes' Philosophie zum Verhängnis der Neuzeit, das freilich lediglich die Steigerung -und in Heideggers Gegenwart: die Kulmination - eines umfassenderen, seit den Vorsokratikern über dem abendländischen Denken schwebenden Verhängnisses ist, nämlich das der Seinsvergessenheit, die in der fortschreitenden Technisierung aller Lebensverhältnisse ihren weltumspannenden Ausdruck findet. Dieses Verhängnis ist ,Schickung', ,Schicksal', ,Geschick', in das man ,sich schicken' muss, um es nicht zu überwinden, sondern zu ,verwinden'. So ist Heidegger - man könnte sagen: in dialektischer Manier - kein schlichter Feind der neuzeitlichen Aufklärung, des Rationalismus und des Subjektivismus und deshalb auch kein simpler Gegner Descartes', sondern versteht sich als jemand, der sich von einer neuen ,Schickung des Seins' grundstürzend neue Verhältnisse verspricht. Die Erfüllung dieses Versprechens hat Heidegger im Nationalsozialismus gesucht. Kellerer zeigt, wie Heidegger nach dem Untergang des Dritten Reichs die Einsicht in seinen Irrtum zeitlich vorverlegte und so seine späteren Interpreten täuschte. Sie führt im Schlussteil ihrer Untersuchung in einem akribischen Textvergleich, pars pro toto, detailliert vor, wie Heidegger dabei vorgegangen ist: Er hatte am 9. Juni 1938 in Freiburg einen Vortrag mit dem Titel „Die Begründung des neuzeitlichen Weltbildes durch die Metaphysik" gehalten. Er veröffentlichte diesen Vortrag 1950 in Holzwege, ohne die - z.T. auch inhaltlich erheblichen - Textänderungen, die er in der Zwischenzeit gegenüber dem Vortragsmanuskript vorgenommen hatte, genauer zu kennzeichnen. Kellerers Analyse ergibt, dass Heidegger sich hier, wie auch in Briefen und Stellungnahmen in den Jahren nach dem Krieg, als jemanden stilisiert, der seinen politischen Irrtum von 1933 schon den folgenden Jahren (ab 1934/35) korrigiert habe; sein Vortrag von 1938 stelle er als Zeugnis seiner Kritik am Nationalsozialismus und dessen Technikverfallenheit im Gewand einer allgemeinen und grundsätzlichen Kritik an der Verfallenheit der Wissenschaften an die Technik und deren Globalisierung als ,planetarische Herrschaft' dar. Abgesehen davon - wovon Kellerer nicht spricht -, dass sich Heidegger bis zu seinem Lebensende jeder eindeutigen Stellungnahme zum fast vollendeten Genozid an den europäischen Juden, zur projektierten Unterjochung der Polen und Russen unter das ,germanische Herrenvolk' sowie zur Alleinschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg entzog, wirkt Heideggers Selbststilisierung als innerer Emigrant oder gar Opponent des Regimes lächerlich, zumal sie der hunderttausendfach geübten Selbstexkulpation derer in der Nachkriegszeit, die das Regime gesinnungs- und tatkräftig gestützt hatten, aufs Haar gleicht, wenn sie bei Heidegger auch ungleich raffinierter angelegt ist: Hier feiert ,das Man' traurige Urständ. Angesichts derartiger Fälschungen erhebt Keflerer,^usamfflen-mft anderen-Gelehrtenj-die Forderung, die Gesamtausgabe ,letzter Hand' der Werke Heideggers durch eine historisch-kritische Ausgabe zu ergänzen bzw. den im Marbacher Literaturarchiv aufbewahrten Nachlass allen Forschern zugänglich zu machen. Sie fragt zudem, wieder ineins mit anderen kritischen Interpreten, ob Heideggers berühmte ,Kehre' sich nicht ebenfalls einer groß angelegten Strategie der Verkehrung seiner früheren Überzeugungen verdanke, und wenn dem so wäre, welche Folgerungen zu ziehen seien. Im Hinblick darauf fordert Kellerer dann eigentlich nur Selbstverständliches: philologische und historische Genauigkeit auch mit Blick auf das ideologischpolitische Umfeld, mit der man im Falle Heideggers den von ihm beabsichtigten und verursachten Irrtümern der Rezeption seines Denkens auf die Spur komme. Aber kann die Aufdeckung jener Strategien und dieser Irrtümer, so wichtig solche Aufdeckung zweifellos ist, nicht doch nur als Zwischenschritt auf dem Weg zur Beantwortung der eigentlichen Sachfrage sein, nämlich nach dem von Heidegger behaupteten Bezug von angeblicher Seinsvergessenheit der abendländischen Metaphysik zum neuzeitlichen Verhängnis eines technizistischen Totalitarismus und nach der von ihm geforderten ,Verwindung'? In dieser Hinsicht wäre Kellerers bedeutungsvoller Metadiskurs noch um eine systematische Dimension zu erweitern.


Zum Rezensenten:
Dr. Reiner Wimmer, Prof. i. R., Philosophisches Seminar, Universität Tübingen.




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