theologie.geschichte, Bd. 2 (2007)

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theologie.geschichte - Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte

Béatrice Acklin Zimmermann

„Die Bösen sind die Anderen!“ – Theologische Erkundungen zum Bösen aus der Geschlechterperspektive

Bericht über eine theologische Tagung vom 26. Januar 2007 an der Paulus-Akademie Zürich

Unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse vom 11. September 2001, von Beslan, Abu-Ghraib und Kana hat sich die Frage nach „dem Bösen" zugespitzt. Die öffentlichen Diskussionen und neusten Publikationen lassen sich kaum mehr überblicken. Dabei fällt allerdings auf, dass über das Verhältnis von "Geschlecht" und dem "Bösen" kaum nachgedacht wird. Diesem deutlichen Defizit wollte die Theologische Tagung entgegenwirken, die am 16. Januar 2007 an der Paulus-Akademie Zürich stattfand, indem sie die folgenden Fragen in den Mittelpunkt des Interesses stellte:

Wer definiert, was „gut“ und was „böse“ ist? Wo genau verläuft die Grenze zwischen „gut“ und „böse“ und wer zieht diese Grenze? Was bedeutet die Grenzziehung zwischen „gut“ und böse“ im Blick auf die Geschlechterdifferenz? Ist „das Böse“ eine unabhängige Größe oder tritt es vielmehr in Vermischung mit „dem Guten“ auf? Ist „das Böse“ eine Macht, die Frauen und Männer gleichermaßen in ihren Besitz nimmt? Wird das Böse von Frauen und Männern unterschiedlich erfahren und  wahrgenommen? Inwiefern sind Frauen und Männer sowohl als Opfer als auch als Täter/innen in das Böse verstrickt? Zur Debatte standen also ebenso die Grenzziehung zwischen „Gut“ und „Böse“  als auch die Frage nach dem Verhältnis von „Geschlecht“ und den Konstruktionen „des Bösen“.

Ruth Scoralick, Professorin für Exegese des Alten Testaments an der Universität Luzern, ging der Frage nach dem Verhältnis von „Geschlecht“ und den Konstruktionen „des Bösen“ aus alttestamentlicher Sicht nach, wobei sie sich in ihrem Vortrag auf die „Urgeschichten. Frauen, Männer und das Böse  in Genesis 1-9“ konzentrierte. Dabei ging Scoralick auf die Irritation ein, dass die Erschaffung des männlichen und weiblichen Menschen am sechsten Tag von Gott nicht mit dem Prädikat  „gut“ versehen wird, ganz im Unterschied zu den anderen Schöpfungswerken.

Dass man es nicht nur in der Musik von Johann Sebastian Bach mit „dem Bösen“ zu tun bekommt, sondern dass auch im evangelischen und katholischen Kirchengesangbuch „das Böse“ in den Liedtexten in verschiedenen Facetten vorkommt und sehr vielfältig wahrgenommen wird, zeigte der Beitrag von Ralph Kunz, Professor an der Universität Zürich für praktische Theologie mit den Schwerpunkten Homiletik und Liturgik. In seinem Vortrag, der unter den Titel gestellt war,  „Warum der Teufel sich vor Frau Musica fürchtet! Über den Umgang mit dem Bösen im Kirchenlied“,  konnte Kunz zeigen, dass vor allem die Reformatoren im Singen eine Strategie im Umgang mit dem Bösen sahen und das Amt der Musik als Mittel zur Überwindung von Sünde, Tod und Teufel begriffen. Im Gesang gegen das Böse erkannte Kunz eine Alternative zur rohen Gewalt gegenüber dem Anderen und anstatt Aggression eine Aggressionsablenkung. Sich das Böse vom Leib zu singen, so das Fazit von Kunz, ist eine revolutionäre aber gewaltlose Form, dem Bösen Grenzen zu setzen, die gerade in der Kirchenmusik gepflegt werden sollte.

Die unter dem Eindruck der terroristischen Anschläge in Politik und Gesellschaft sich abzeichnende Tendenz, „das Böse“ primär beim Anderen, einer bestimmten Nation, Kultur oder Weltanschauung zu verorten, hat Walter Lesch, Professor für Sozialethik an der Theologischen Fakultät und für Moralphilosophie an der Philosophischen Fakultät der Université catholique de Louvain in Louvain-la-Neuve in Belgien, bewogen, in seinem Vortrag der Frage nachzugehen, wie angesichts von Gewalt und Terror und der terroristischen Herausforderung eine interkulturelle Ethik, die die Geschlechterperspektive einbezieht, überhaupt noch möglich sei. Als Fallstudie, die es  erlaubt, Fragen einer interkulturellen Verständigung mit den Herausforderung durch terroristische Bedrohung und mit der Gender-Perspektive zu verknüpfen, wählte Lesch den Mord am niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, der im November 2004  auf offener Straße vom  Marokkaner Mohammed Bouyeri ermordet worden war. Theo van Gogh war es zum Verhängnis geworden, dass er nach einem Szenario von Ayaan Hirsi Ali einen Kurzfilm gedreht hatte, der seit seiner Ausstrahlung im Fernsehen im Sommer 2004 zum Stein des Anstoßes wurde: Submission Part I. Das Bekennerschreiben ließ  unzweifelhaft auf den islamistischen Hintergrund des Verbrechens schließen und zeigte, dass der Hass des Mörders neben van Gogh vor allem einer prominenten Frau galt, nämlich Ayaan Hirsi Ali, einer gebürtigen Somalierin, die in den Niederlanden Asyl gefunden hatte und eine ungewöhnliche politische Karriere machte. In seiner Analyse dieser Fallgeschichte wirft Lesch die kritische Rückfrage auf, ob der spektakuläre Amsterdamer Fall nicht vor allem ein trauriges Beispiel für eine gefährliche Instrumentalisierung der Gender-Perspektive sei. Zwar  sollte nicht aus lauter Rücksicht auf kulturelle Sensibilitäten und religiöse Überempfindlichkeit die Debatte über den Status von Frauen im Islam vermieden werden, dennoch schiene es ihm angemessener, die durchaus vorhandenen Kontroversen innerhalb der Religionsgemeinschaft zu thematisieren und nicht von außen Öl ins Feuer zu gießen. Laut Lesch ist der Amsterdamer Fall exemplarisch, weil es sich dabei um eine Verkettung höchst eigenwilliger Charaktere handelt, schillernde Figuren mit unklaren Grenzen zwischen guten und bösen Absichten, aber mit einem beachtlichen Störpotential und Anknüpfungspunkten für die Verschränkung unterschiedlichster Diskursebenen. Eine ehemals muslimische Frau als intendiertes Opfer. Ein westlich-dekadenter Kulturschaffender als Opfer. Ein junger muslimischer Mann als Täter.

Die nicht auflösbare Schwierigkeit besteht nach Lesch darin, dass sich bei allen handelnden Personen problematische Aspekte aufzeigen lassen, die eine eindeutige Grenzziehung zwischen den Guten und den Bösen erschweren, so dass letztlich das ungute Gefühl zurückbleibt, das Judith Butler treffend als eine kulturimperialistische Ausbeutung der Frauenbefreiung kritisiert hat.

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