theologie.geschichte Beihefte, Nr. 7 (2013)

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„Weil doch einmal Blut fliessen muss, bevor wieder Ordnung kommt“
Erzbischof Faulhabers Krisendeutung in seinemTagebuch 1918/19

Antonia Leugers

Abstract


„Es sei gar nicht so schlimm“, tröstete der 28-jährige Sekretär Alfons Ammer den Münchner Erzbischof am 13. November 1918, „die Kirche würde dann geistig um so freier werden. Die Regierung sei auch nicht so schlimm [...].“ Michael von Faulhaber notierte Ammers moderate Lagebeurteilung nach der Revolution verwundert in sein Tagebuch, denn die Nacht vom 7. auf den 8. November hatte der 49-jährige Faulhaber sogar als die „schrecklichste Nacht meines Lebens“ gewertet. Am nächsten Tag versuchte er seinen Zustand näher zu umschreiben: „Es ist mir nun immer, als ob man mir mit einem Prügel auf den Kopf geschlagen hätte, und das Herzklopfen [...] ist nicht besser geworden.“ Noch am 10. November hatte er nachts „keine halbe Stunde geschlafen“ und „seit dreiTagen nichts mehr richtig gegessen. [...] Es ist mir immer, als ginge ich über ein Brett, das über einen Abgrund gelegt und schwankt.“ Er kam nicht zur Ruhe. Die am 11. November bekannt gegebenen  Waffenstillstandsbedingungen wirkten auf den Feldpropst der bayerischen Armee „wie ein Hammerschlagauf den Kopf.“5 Und nun wollte ihn dieser Sekretär ausgerechnet damit trösten, dass alles nicht so schlimm sei! Faulhaber hingegen fühlte sich brutal verletzt und ohne festen Boden unter den Füßen.

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